Kirchenakte Belegte Ereignisse aus Urteilen, Berichten und kirchlichen Dokumenten
17.03.1230 – 27.05.1234 · 4 Jahre · im Zeitstrahl zeigen

Kreuzzug gegen die Stedinger 1232 bis 1234, Bauern an der Unterweser werden wegen verweigerter Abgaben zu Ketzern erklärt

Die Stedinger, freie Bauern an der unteren Weser, weigerten sich, dem Erzbischof von Bremen Zehnt und Zins zu zahlen, und schlugen 1229 sein Heer. Eine Bremer Synode erklärte sie 1230 zu Ketzern, Papst Gregor IX. ließ 1232 und 1233 den Kreuzzug gegen sie predigen, mit demselben Ablass wie für das Heilige Land. Am 27. Mai 1234 wurden sie bei Altenesch vernichtend geschlagen. Der katholische Kirchenhistoriker Hefele und die Catholic Encyclopedia halten fest, dass die Stedinger keine Ketzer waren.

Zeitraum
17.03.1230 – 27.05.1234 (4 Jahre)
Land
Deutschland
Institutionen
Erzbistum Bremen
Erzbischof Gerhard II. von Bremen
Papst Gregor IX.
Dominikaner
Kategorie
Kreuzzug, Verfolgung
Belegstufe
B zwei unabhängige Fachquellen · was heißt das?
Personen
Gerhard II. von Bremen (Erzbischof von Bremen (1219–1258), ließ die Stedinger zu Ketzern erklären)
Gregor IX. (Papst, ließ den Kreuzzug gegen die Stedinger predigen)
Hermann von der Lippe (Bruder des Erzbischofs, fiel 1229 im Kampf gegen die Stedinger)

Was den Menschen geschah

Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen

  1. Im Frühjahr 1234 zog ein großes Kreuzheer gegen die westlichen Wesermarschen. Die Schlacht bei Altenesch am 27. Mai 1234 brachte fast dem ganzen Stamm der Stedinger den Tod; nur wenige entkamen zu den benachbarten Friesen. Nach den Kölner Annalen sollen 2000 Stedinger gefallen sein.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022
    „der Tag von Altenesch (27. Mai 1234) brachte fast dem ganzen Stedingerstamm Tod und Verderben; nur Wenige entkamen dem Blutbad zu den benachbarten Friesen“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022, Anm. 2
    „Nach den Annales Colonienses maximi sollen 2000 Stedinger gefallen“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022, Anm. 2. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „on 27 May, 1234, the Stedingers were completely defeated near Bremen“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original

Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?

  1. Weil er sie mit Waffengewalt nicht bezwingen konnte, griff der Erzbischof zum „geistlichen Schwert“: Eine Diözesansynode in Bremen am 17. März 1230 erklärte die Stedinger zu Ketzern und exkommunizierte sie. Vorgeworfen wurden ihnen Verachtung der Sakramente, Gewalt gegen Geistliche, Befragung von Dämonen und Wachsbilder.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019
    „So außer Stande, gegen die selbstbewußten Ansiedler seine Rechte mit Waffengewalt zur Geltung zu bringen, griff der Erzbischof jetzt zum geistlichen Schwert.“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019
    „auf welcher die Stedinger für Ketzer erklärt und als solche verurtheilt wurden“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „A synod held at Bremen, 17 March, 1230, accused them, in addition to the acts of violence above-mentioned, of contempt for the authority of the Church and for the sacraments, as well as of superstitious practices; it also excommunicated them.“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original
  2. Papst Gregor IX. befahl am 29. Oktober 1232 (Catholic Encyclopedia: 9. Oktober) den Bischöfen von Lübeck, Minden und Ratzeburg, den Kreuzzug gegen die Stedinger zu predigen. Die Bulle warf ihnen vor, Blut wie Wasser zu vergießen, Geistliche in Kreuzesform an die Wand genagelt zu haben und Dämonen zu befragen, und rief die Gläubigen mit Ablassversprechen zum Zug gegen sie auf.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1020
    „die erste Kreuzzugsbulle gegen die Stedinger vom 29. October 1232“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1020. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1020
    „Die Bischöfe sollen darum ihre Gläubigen gegen diese gottlosen Teufels verehrer aufrufen und durch Ablaßversprechen für einen Zug wider sie gewinnen.“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1020. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „on 9 Oct., 1232, Gregory IX issued a Bull commanding the Bishops of Lübeck, Minden, and Ratzeburg to preach a crusade against them“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original

Was geschah mit den Betroffenen?

  1. Der erste Kreuzzug scheiterte im Winter 1232/33. Im Sommer 1233 wurden die Oststedinger besiegt und ihr Land verwüstet. Eine weitere Bulle vom 17. Juni 1233 versprach allen Teilnehmern denselben Ablass wie den Kreuzfahrern ins Heilige Land.
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „An army was collected and advanced against the Stedingers, but it was defeated in the winter of 1232-33.“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1021
    „der zunächst den Oststedingern galt; sie wurden besiegt und ihr Land verwüstet“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1021. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1021
    „denselben Ablaß, wie den Kreuzfahrern in's heilige Land“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1021. Original

Hintergrund

Ablauf

  1. Das Heer des Erzbischofs unter seinem Bruder Hermann von der Lippe verlor am Weihnachtsabend 1229 gegen die Bauern; Hermann fiel. Laut Catholic Encyclopedia zerstörten die Stedinger danach Kirchen und Klöster und misshandelten und töteten Priester.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019
    „allein Hermann verlor gegen sie am Weihnachtsabend 1229 Schlacht und Leben“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „His army, however, was defeated in 1229, whereupon the Stedingers destroyed churches and monasteries, and ill-treated and killed priests.“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original

Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)

  1. Die Stedinger waren ein Volk von Friesen und Sachsen, das Ende des 12. Jahrhunderts an die untere Weser gezogen war und das Land urbar gemacht hatte. Sie weigerten sich, dem Erzbischof von Bremen den Zehnten zu zahlen und als Leibeigene Frondienste zu leisten. Erzbischof Gerhard II. (1219–1258) schickte deshalb Truppen gegen sie.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659 „Die Stedinger“, S. 1018
    „Es war dieß ein Mischvolk von Friesen und Sachsen, das gegen Ende des 12. Jahrhunderts an die Gestade der unteren Weser eingewandert und das Land urbar gemacht hatte.“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659 „Die Stedinger“, S. 1018. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „The Stedingers refused to pay tithes and to perform forced labour as serfs. These duties were demanded of them with considerable severity, and Archbishop Gerhard II of Bremen (1219-58) sent troops against them.“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original
  2. Der katholische Kirchenhistoriker Hefele urteilte 1886, an eine wirkliche Irrlehre sei bei diesen Anklagen nicht zu denken; der eigentliche „Irrtum“ sei der bewaffnete Widerstand gegen die Forderungen des Erzbischofs gewesen. Auch die Catholic Encyclopedia schreibt, die Stedinger seien keine Ketzer gewesen.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019
    „der eine Haupt- und Grundirrthum ist offenbar nichts Anderes, als der bewaffnete Widerstand gegen die Forderung des Erzbischofs von Bremen“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „The Stedingers were not heretics“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original

Wer bekam das Vermögen, wer profitierte?

  1. Im Kern ging es um Abgaben an die Bremer Kirche: Schon Erzbischof Hartwig II. hatte durchgesetzt, dass die Stedinger dem Bremer Erzstift Zins und Zehnt zahlten. Als Erzbischof Gerhard II. diese Abgaben wieder eintreiben wollte, widersetzten sie sich und griffen einzelne seiner Boten an. Nach den Kölner Annalen wurde ihnen nur die Verweigerung des Zehnten zur Last gelegt, deshalb seien sie exkommuniziert worden.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1018
    „Dem Versuche, sich auch der Zins- und Zehntpflicht gegen das Bremer Erzstift zu entziehen, trat aber Erzbischof Hartwig II. mit Entschiedenheit und Erfolg entgegen.“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1018. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019
    „widersetzten sich die Bewohner der Wesermarschen und vergriffen sich sogar an einzelnen Boten des Erzbischofs“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1019. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022
    „sie legen ihnen nur Zehntverweigerung zur Last“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022. Original

Reaktion der Kirche

  1. Schon am 18. März 1234 sprach Gregor IX. in einem Schreiben an seinen Legaten nicht mehr von Ketzerei, sondern nur noch von einem Streit zwischen Erzbischof und Stedingern. Am 21. August 1235 (Catholic Encyclopedia: 24. August 1236) ordnete er an, die Überlebenden nach Buße und Genugtuung vom Bann zu lösen; auch darin war von Irrlehren keine Rede mehr.
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1021
    „Hier ist nicht mehr von häretischen Irrthümern und anderen kirchlichen Verbrechen die Rede“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1021. Original
    Beleg: Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886), Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022
    „Von Häresien oder Irrlehren ist auch in diesem päpstlichen Schreiben keine Rede mehr“
    Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, Bd. 5, 2. Aufl., § 659, S. 1022. Original
    Beleg: Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource, Artikel Stedingers
    „on 24 August, 1236, Gregory IX commanded that they should be relieved from excommunication after performing penance and satisfaction“
    Stedingers (Johann Peter Kirsch), Artikel Stedingers. Original

Fachliteratur und Nachschlagewerke

  1. Fachliteratur
    Carl Joseph von Hefele (Herder, Freiburg 1886): Conciliengeschichte. Nach den Quellen bearbeitet, Bd. 5, 2. Auflage, 1. Januar 1886. Original (abgerufen 15. 10. 2026)
  2. Nachschlagewerk
    Catholic Encyclopedia (1913), Wikisource: Stedingers (Johann Peter Kirsch), 1. Januar 1913. Original (abgerufen 15. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (2)
  • : Aktualisiert: Tatsachen
  • : Aufgenommen

Zuletzt geändert am 15. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.