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1945 – 2019 · 74 Jahre · im Zeitstrahl zeigen

Bistum Würzburg, Gutachten 2025 im Auftrag der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (1945–2019)

Ein Gutachten des Strafrechtlers Hendrik Schneider im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg ermittelte 2025 für 1945 bis 2019 51 Täter, darunter 43 Kleriker, und 226 Betroffene. Belegt sind 449 Taten, hochgerechnet über 3000. Die Taten wurden dem Bistum im Schnitt erst 25,7 Jahre später bekannt. Das Gutachten fand Indizien für den systematischen Schutz einzelner Kleriker, etwa das Unterdrücken belastender Akten und Versetzungen, um Anzeigen zu verhindern.

Zeitraum
1945 – 2019 (74 Jahre)
Bericht veröffentlicht
1. Januar 2025
Land
Deutschland
Institutionen
Bistum Würzburg
Kategorie
Sexueller Missbrauch, Vertuschung
Belegstufe
A Primärquelle · was heißt das?

Was den Menschen geschah

Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen

  1. Ermittelt wurden 226 Betroffene, 199 davon namentlich bekannt; 124 waren weiblich, 101 männlich.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 10.2.1, S. 466
    „Wir ermittelten 226 Betroffene, von denen 199 namentlich bekannt sind.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 10.2.1, S. 466. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 10.2.1, S. 466
    „124 Betroffene sind weiblich (55 %) und 101 Betroffene (45 %) männlich.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 10.2.1, S. 466. Original

Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?

  1. 51 Personen, davon 43 Kleriker, ist mindestens eine Missbrauchstat vorzuwerfen. Belegt sind 449 Taten, 410 davon durch Kleriker; rechnet man Tatserien nach Dauer und Häufigkeit hoch, ergeben sich 3053 Taten. 48 Taten fallen unter schweren sexuellen Missbrauch von Kindern mit Eindringen in den Körper oder Vergewaltigung.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 34
    „Unter Berücksichtigung dieser Kriterien wurden 51 Personen, davon 43 Kleriker identifiziert, denen zumindest eine Missbrauchstat vorzuwerfen ist.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 34. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 34
    „Bei Hochrechnung anhand dieser Angaben ergeben sich 3.053 Taten, die den 51 Personen zur Last gelegt werden können.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 34. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 34
    „Von diesen 449 Taten wurden 410 durch Kleriker begangen“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 34. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 35
    „(Vergewaltigung ohne Rücksicht auf das Alter). Auf diese Stufe entfallen 48 Taten (11 %).“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 35. Original

Was geschah mit den Betroffenen?

  1. Die Taten wurden dem Bistum im Durchschnitt erst 25,7 Jahre nach der Tat bekannt; vermehrt meldeten sich Betroffene ab 2010.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 36
    „Die Taten der 51 Täter wurden dem Bistum durchschnittlich 25,7 Jahre nach Tatbegehung bekannt.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 36. Original

Zeugenberichte und Akten

Zeitzeuge Betroffene über einen Suizidversuch (Gutachten, Kap. 10.3.5)

weil ich ihm glaubte, dass ich eine Psychopathin und Gift für alle Menschen in meinem Leben sei

Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM): Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 10.3.5, S. 472. Original
Zeitzeuge Betroffener über die Folgen (Gutachten, Kap. 10.3.7)

Grundthemen, die mich bis heute begleiten: Bindungsangst, Probleme, mit Zärtlichkeiten bzw. sich fallen zu lassen, Macht/Ohnmacht.

Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM): Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 10.3.7, S. 472. Original

Hintergrund

Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)

  1. Als Kennzeichen des Täterschutzes nennt das Gutachten das Ziel, Betroffene an den Rand zu drängen, staatliche Verfahren zu vermeiden und kirchenrechtliche Aufklärungspflichten nicht anzuwenden.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 38
    „das Ziel verfolgt wurde, Betroffene zu marginalisieren, staatliche Verfahren zu vermeiden oder nicht zu“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 38. Original

Wer bekam das Vermögen, wer profitierte?

  1. Von 51 Anträgen auf Anerkennung des Leids wurden 48 positiv beschieden. Dokumentiert sind Zahlungen von insgesamt über 758.500 Euro, im Schnitt 15.802 Euro je Antrag (Median 10.000 Euro), zwischen 1.000 und 110.000 Euro. In einem kirchlichen Strafverfahren wurde einem Priester zudem eine Geldstrafe von 2.000 Euro zugunsten von Missbrauchsopfern auferlegt.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 11.3.7, S. 537
    „Für die 48 positiv beschiedenen Anträge sind Zahlungen von über insgesamt 758.500 EUR dokumentiert. Somit erfolgte durchschnittlich je positiv beschiedenem Antrag eine Zahlung von 15.802 EUR (Median: 10.000 EUR), wobei die Spanne einzelner Zahlungen von mindestens 1.000 EUR bis maximal 110.000 EUR reicht.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 11.3.7, S. 537. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 11.3.7, S. 537
    „Gestellte Anträge zur Anerkennung des Leids (N=51) und Bescheide“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 11.3.7, S. 537. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), S. 493
    „Zudem wurde die Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von 2.000 Euro angeordnet, die der Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs zugutekommen sollte.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, S. 493. Original

Reaktion der Kirche

  1. Das Gutachten fand keine Belege für eine bistumsweite Strategie des Täterschutzes, aber fallbezogene Indizien für den systematischen Schutz einzelner tatverdächtiger Kleriker: das Unterdrücken belastender Akten, Versetzungen, um Anzeigen oder öffentliche Vorwürfe zu verhindern, und die Beeinflussung von Betroffenen und Zeugen.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 39
    „Es wurden jedoch fallbezogen Indizien festgestellt, die für den systematischen Schutz einzelner tatverdächtiger Kleriker sprechen. Zu diesen Indizien zählen das Unterdrücken belastenden Aktenmaterials, die Versetzung von Tätern oder Tatverdächtigen, soweit hierdurch verhindert werden sollte, dass Dritte Fälle zur Anzeige bringen oder sich öffentlich zu Vorwürfen äußern und die Beeinflussung von Betroffenen und/oder Zeugen.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 39. Original
  2. Bis 2001 wurde das Kirchenstrafrecht kaum angewandt; auf Verfehlungen von Klerikern reagierte man vielfach allenfalls mit „brüderlicher Zurechtweisung“, und es gab keine erkennbaren Maßnahmen zur Verhinderung von Missbrauch.
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 35
    „Auf Verfehlungen von Klerikern ist vielfach allenfalls mit der brüderlichen Zurechtweisung (correctio fraterna) reagiert worden.“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 35. Original
    Beleg: Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM), Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 35
    „es gab keine erkennbaren präventiven Maßnahmen zur Verhinderung von Missbrauchstaten“
    Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, Kap. 1 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung, S. 35. Original

Siehe auch

Originaldokumente zum Nachlesen

  1. Kommissionsbericht
    Hendrik Schneider, im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM): Gutachten. Bestandsaufnahme und Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg vom 01.01.1945 bis zum 31.12.2019, 1. Januar 2025. Original (abgerufen 15. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (2)
  • : Aktualisiert: Zeitzeugen und Originaltexte, Tatsachen
  • : Aufgenommen

Zuletzt geändert am 15. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.