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1945 – 2019 · 74 Jahre · im Zeitstrahl zeigen

Sexueller Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising (Gutachten 2022)

Die Erzdiözese München und Freising ließ den Umgang mit sexuellem Missbrauch von der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl untersuchen. Das Gutachten von 2022 geht von mindestens 497 Geschädigten aus, überwiegend Kindern zwischen 8 und 14 Jahren, und von 235 Beschuldigten. Bis 2010 sei der Umgang mit beschuldigten Priestern von Milde und dem Wunsch geprägt gewesen, kein Aufsehen zu erregen; selbst verurteilte Priester arbeiteten weiter in der Seelsorge. Den Erzbischöfen und Generalvikaren der jeweiligen Amtszeit schreiben die Gutachter persönliche Verantwortung zu, darunter dem späteren Papst Benedikt XVI. als Erzbischof von 1977 bis 1982 in vier Fällen. Benedikt XVI. wies das in einer Stellungnahme zurück; die Gutachter hielten seine Begründung für nicht überzeugend.

Zeitraum
1945 – 2019 (74 Jahre)
Bericht veröffentlicht
20. Januar 2022
Land
Deutschland
Institutionen
Erzdiözese München und Freising
Kategorie
Sexueller Missbrauch, Vertuschung
Belegstufe
A Primärquelle · was heißt das?
Personen
Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) (Erzbischof von München und Freising 1977 bis 1982, Papst 2005 bis 2013, gestorben 2022)

Was den Menschen geschah

Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen

  1. Die Gutachter gehen auf Grundlage der Akten von mindestens 497 Geschädigten aus, 247 männlich, 182 weiblich, bei 68 unklar. Bei Buben wie Mädchen war die Altersgruppe von 8 bis 14 Jahren deutlich überrepräsentiert.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 12
    „Auf der Basis der geprüften Aktenbestände gehen die Gutachter von mindestens 497 Geschädigten aus, davon 247 männlichen und 182 weiblichen Geschlechts“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 12. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 12
    „Sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Geschädigten war die Altersgruppe der 8- bis 14jährigen mit 59% beziehungsweise 32% deutlich überrepräsentiert“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 12. Original
  2. Untersucht wurden Vorwürfe gegen 261 Personen; bei 235 von ihnen, 182 Klerikern und 53 Laien, fanden sich Hinweise auf insgesamt 363 Sachverhalte. In 65 Fällen sahen die Gutachter die Vorwürfe als erwiesen an, in 146 als zumindest plausibel, in 11 als widerlegt; bei 141 reichten die Unterlagen für ein Urteil nicht aus.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 11
    „Bei 235 Personen (182 Kleriker und 53 Laien) haben sich Hinweise auf insgesamt 363 untersuchungsrelevante Sachverhalte ergeben“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 11. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 11
    „Die Gutachter sehen im Hinblick auf 65 Sachverhalte die erhobenen Vorwürfe als erwiesen, bei 146 Sachverhalten als zumindest plausibel und in 11 Sachverhalten als widerlegt an“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 11. Original

Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?

  1. Bis 2010 blieb die Reaktion auf beschuldigte Kleriker nach Ansicht der Gutachter weit hinter dem kirchenrechtlich Gebotenen zurück. Der Umgang war von Milde und Nachsicht geprägt und von dem Ziel, keine öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst strafrechtlich verurteilte Priester wurden weiter in der Seelsorge eingesetzt, teils ohne jede Beschränkung. Gegen beschuldigte Laienmitarbeiter wurde dagegen durchgängig angemessen vorgegangen.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 12
    „war der Umgang mit den Klerikern anschließend von Milde und Nachsicht und der Motivation geprägt, keine größere öffentliche Wahrnehmung der Missbrauchsthematik zu erzeugen“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 12. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 12
    „Sogar strafrechtlich verurteilte Priester wurden weiter in der Seelsorge verwendet, teilweise sogar ohne jede Beschränkung in der regulären Gemeindearbeit“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 12. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 12 f.
    „Laienmitarbeitern durchgängig aus Sicht der Gutachter angemessene dienst- und arbeitsrechtliche Maßnahmen ergriffen wurden“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 12 f.. Original
  2. Joseph Ratzinger, Erzbischof von 1977 bis 1982 und später Papst Benedikt XVI., warfen die Gutachter zunächst in fünf Fällen vor, nicht regelkonform reagiert zu haben; nach seiner Stellungnahme hielten sie einen Vorwurf nicht aufrecht. Zwei der Fälle betrafen Taten in seiner Amtszeit.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 5., S. 681 f.
    „in fünf dieser Fälle anzulasten ist, auf ihm bekannt gewordene Missbrauchs(verdachts)fälle nicht regelkonform beziehungsweise angemessen reagiert zu haben“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 5., S. 681 f.. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 5. f), S. 750
    „Zwar haben diese Erläuterungen Benedikts XVI. in einem Fall dazu geführt, dass die Gutachter ihre vorläufige Bewertung des Sachverhalts und die erhobenen Vorwürfe nicht aufrecht erhalten haben“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 5. f), S. 750. Original

Was geschah mit den Betroffenen?

  1. Eine seelsorgerische Zuwendung zu den Geschädigten fand vor 2010 nicht statt, obwohl die Folgen sexuellen Missbrauchs auch der Kirche lange vorher bekannt waren oder hätten sein müssen. Gemeinden, in denen Beschuldigte tätig waren, sind oft bis heute gespalten.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 13
    „Eine – insbesondere seelsorgerische – Zuwendung zu den Geschädigten und ihren Nöten und Belangen fand jedoch nicht statt“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 13. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 13
    „Nicht selten sind diese Einrichtungen von einer tiefen und auch nach Jahr(zehnt)e noch anhaltenden Spaltung gekennzeichnet“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 13. Original

Hintergrund

Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)

  1. Als Ursachen nennen die Gutachter den Klerikalismus und eine „geradezu paranoide“ Angst vor Skandalen zum vermeintlichen Schutz der Institution, Mängel des Kirchenrechts, fehlende Fachkompetenz in Führungsämtern und fehlende Kontrolle der Verantwortlichen, die deshalb keine Folgen für Fehler fürchten mussten.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 14
    „Zu nennen ist hier zunächst der Klerikalismus, der zumindest einen adäquaten Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs verhindert hat“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 14. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 14
    „zu einem geradezu paranoiden Verhalten im Hinblick auf die eigentlich gebotene Transparenz“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 14. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 15 f.
    „da sie Konsequenzen im Falle fehlerhaften Handelns nicht zu befürchten hatten“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 15 f.. Original

Reaktion der Kirche

  1. Die Erzbischöfe und Generalvikare tragen laut Gutachten für den unangemessenen Umgang in ihrer Amtszeit auch persönlich Verantwortung. Seit 2010 stellen die Gutachter ein entschlossenes Bemühen um Besserung fest, besonders bei der Vorbeugung.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 16 f.
    „den in ihrer jeweiligen Amtszeit unangemessenen Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs auch persönlich Verantwortung tragen“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 16 f.. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, B. II. Zusammenfassung, S. 16
    „dass seit 2010 ein entschlossenes Bemühen der Erzdiözese festzustellen ist, den Umgang mit Fällen des sexuellen Missbrauchs fortlaufend und entscheidend zu verbessern“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, B. II. Zusammenfassung, S. 16. Original
  2. Benedikt XVI. berief sich in seiner Stellungnahme auf fehlende Kenntnis der Fälle und den damaligen Zeitgeist. Die Gutachter hielten das für wenig realitätsnah: Seine Vorgänger und Nachfolger seien deutlich umfassender informiert worden. Er trage mit seiner passiven Haltung zumindest eine moralische Mitverantwortung für das Risiko weiterer Taten.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 5. f), S. 750
    „Vielmehr werden von ihm auch heute noch vor allem die Stereotype angeblich fehlender Sachverhaltskenntnis und des vermeintlichen Zeitgeistes bemüht“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 5. f), S. 750. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 5. f), S. 751
    „Die Gutachter halten diese Darstellung für wenig realitätsnah“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 5. f), S. 751. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 5. f), S. 752
    „mit dieser passiven Haltung nach Meinung der Gutachter eine zumindest moralische Mitverantwortung für das Risiko, dass es zu weiteren Missbrauchshandlungen und davon Geschädigten kommt“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 5. f), S. 752. Original
  3. Seinem Nachfolger als Erzbischof (1982 bis 2008) lasten die Gutachter in 22 Fällen fehlerhaftes oder unangemessenes Vorgehen an, dem Erzbischof ab 2008 in drei Fällen.
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 6., S. 754
    „in 22 dieser Fälle (rechts-)fehlerhaftes und/oder zumindest unangemessenes Vorgehen bei der Sachbehandlung anzulasten ist“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 6., S. 754. Original
    Beleg: Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising, D. 7., S. 850
    „in drei Missbrauchs(verdachts)fällen (Fälle 30, 41 [Gegenstand des Sonderbands] und 65)“
    Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, D. 7., S. 850. Original

Originaldokumente zum Nachlesen

  1. Kommissionsbericht
    Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, im Auftrag der Erzdiözese München und Freising: Sexueller Missbrauch Minderjähriger sowie erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019, 20. Januar 2022. Original (abgerufen 11. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (1)
  • : Aufgenommen

Zuletzt geändert am 12. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.