1957 – 1990 · 33 Jahre
· im Zeitstrahl zeigen
Canisius-Kolleg Berlin und weitere Jesuitenschulen, Missbrauch und Prügel durch Patres (Raue-Bericht 2010)
Ab Januar 2010 meldeten sich Opfer aus mehreren Schulen des Jesuitenordens, zuerst aus dem Berliner Canisius-Kolleg. Die Ordensbeauftragte Ursula Raue zählte bis Mai 2010 205 Meldungen zum Orden. Zwei Patres, im Bericht „Pater Anton“ und „Pater Bertram“ genannt, wurden 44- bzw. 49-mal beschuldigt. Pater Bertram räumte ein, von 1957 bis 1990 in „etlichen hundert Fällen“ Kinder auf das entblößte Gesäß geschlagen zu haben. Der Orden versetzte Pater Anton, ohne den Grund mitzuteilen; er kam später ins Bistum Hildesheim.
- Zeitraum
- 1957 – 1990 (33 Jahre)
- Bericht veröffentlicht
- 27. Mai 2010
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Jesuitenorden Deutsche Provinz
Canisius-Kolleg Berlin
Kolleg St. Blasien
Aloisiuskolleg Bonn
Sankt-Ansgar-Schule Hamburg - Kategorie
- Gewalt, Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Bei der Beauftragten gingen bis Mai 2010 205 Meldungen zum Jesuitenorden ein, dazu über 50 zu anderen, meist katholischen Einrichtungen. Betroffen waren das Canisius-Kolleg in Berlin, das Kolleg St. Blasien, das Aloisiuskolleg in Bonn, die Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg, Jugendeinrichtungen in Hannover und Göttingen sowie das Kolleg Immaculata in Büren. Untersucht wurden Vorwürfe gegen 12 Patres, sechs davon verstorben, und 2 weitere Personen.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt B, S. 2
„Insgesamt sind bei mir bisher 205 Meldungen eingegangen, die den Jesuitenorden betreffen und dazu über weitere 50 Eingänge, die andere – meist katholische – Einrichtungen betreffen.“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt B, S. 2. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt B, S. 2
„Inzwischen erstrecken sich die Untersuchungen auf zur Zeit 12 Patres – 6 davon verstorben - und 2 weitere Personen“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt B, S. 2. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Strafrechtliche Folgen blieben die Ausnahme. Ein Pater zeigte sich im Februar 2010, kurz vor einem Zeitungsbericht über ihn, selbst bei der Staatsanwaltschaft an und gab zu, 1971 bis 1974 in Hannover wiederholt männliche Jugendliche missbraucht zu haben; das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Der Orden verbot ihm, weiter öffentlich als Priester zu wirken. Ein anderer Pater war 1972 wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt worden und blieb trotzdem bis 1988 Jugendseelsorger am Aloisiuskolleg.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, S. 9
„dass ich in den Jahren 1971 bis 74 in Hannover wiederholt männliche Jugendliche,“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, S. 9. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, S. 9
„Das Ermittlungsverfahren wurde inzwischen eingestellt. Gleichzeitig erhielt er von P. Provinzial ein Verbot, weiterhin öffentlich als Priester zu wirken.“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, S. 9. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, S. 21
„trotz bekannter Alkoholprobleme und einer Geldstrafe (im Jahre 1972) wegen vorsätzlicher Körperverletzung weiter bis1988 als Jugendseelsorger im Aloisiuskolleg tätig“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, S. 21. Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Pater Anton legte Jugendlichen in der Jugendarbeit Fragebögen mit intimen Fragen und Nacktbildern vor und führte Einzelgespräche über Selbstbefriedigung bei verschlossener Tür. Opfer berichten, sie hätten sich auf seinen Schoß setzen, ihn anfassen und vor ihm onanieren müssen und seien zum Schweigen angehalten worden.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 3–4
„dass sie sich auf seinen Schoß setzen mussten dass man ihn auch habe anfassen müssen dass man vor ihm onanieren musste“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 3–4. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 4
„dass die Schüler angehalten wurden, nicht darüber zu sprechen“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 4. Original - Pater Bertram schlug Schüler, auch Schülerinnen, teils exzessiv auf das nackte oder bekleidete Gesäß; viele verstanden erst spät die sadistisch-sexuelle Seite und berichten von tagelangen Schmerzen. In seinem Laisierungsantrag von 1991 schrieb er, er habe von 1957 bis 1990 „in etlichen hundert Fällen“ Kinder und Jugendliche unter Entblößung des Gesäßes geschlagen; seine Stellung als Ordensmann und Priester habe ihm Vertraulichkeit und Straflosigkeit garantiert.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 2, S. 6
„haben auch erst sehr viel später verstanden, dass die Schläge auch eine sadistisch-sexuelle Komponente hatten“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 2, S. 6. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 2, S. 6
„„Im Klartext: von 1957 bis 1990 habe ich in etlichen hundert Fällen Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts unter Entblößung des Gesäßes geschlagen“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 2, S. 6. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 2, S. 6
„garantierten mir meine Autoritätsstellung als Gruppenführer, Trainer, Betreuer und Nachhilfelehrer Jüngerer vor meinem Ordenseintritt und meine Rolle als Ordensmann und Priester danach“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 2, S. 6. Original
Hintergrund
Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)
- Viele der teils schwer traumatisierten Opfer erwarteten eine Erklärung, warum Ordensleute und Lehrer bei bekannten oder geahnten Übergriffen wegschauten und sie mit einer Mauer des Schweigens umgaben.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt Erwartungen der Opfer, S. 22
„warum sie bei den damals bekannten oder zumindest erahnten Missbräuchen weggeschaut und sie mit einer Mauer des Schweigens umgeben haben“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt Erwartungen der Opfer, S. 22. Original
Wer bekam das Vermögen, wer profitierte?
- Einige Opfer forderten mit einer Anwältin finanzielle Entschädigung; eine schnelle Einigung war im Mai 2010 laut Bericht nicht in Sicht. Der Orden erklärte sich nur bereit, bei akutem Bedarf Therapiekosten zu erstatten, die die Krankenkasse nicht übernimmt.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, S. 23
„So haben einige der Opfer mit Hilfe einer Anwältin Forderungen erhoben.“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, S. 23. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, S. 23
„In der Frage der Entschädigung ist noch keine schnelle Einigung in Sicht“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, S. 23. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, S. 23
„bei der Erstattung von Kosten für medizinisch-psychologischer Behandlungen, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, S. 23. Original
Reaktion der Kirche
- Eine Mutter beschwerte sich nach eigener Erinnerung schon 1973 oder 1974 beim Schulleiter. Am 28. Mai 1981 schrieben elf Schülerinnen und Schüler an Schulleitung und Provinzial; eine direkte Antwort gab es weder von der Schule noch von der Ordensleitung. Pater Anton wurde versetzt, ohne dass der neue Ort den Grund erfuhr, und arbeitete in Göttingen erneut in der Jugendarbeit; dort warf man ihm 1988 vor, drei junge Frauen gegen ihren Willen berührt zu haben. Nach seiner Entlassung aus dem Orden 1995 ging er ins Bistum Hildesheim.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 4
„dass sie bereits 1973 oder 74 beim Schulleiter“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 4. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 4
„Eine direkte Antwort an die Verfasser des Briefes oder auch an alle Schüler und Eltern gab es nicht, weder von Seiten der Schule noch von der Ordensleitung.“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 4. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 5
„Einen Hinweis auf den Grund seiner Versetzung gab es nicht.“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 5. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 5
„soll er drei junge Frauen gegen ihren Willen intim berührt haben“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 5. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg, Abschnitt C I 1, S. 3
„Im August 1995 wurde Pater Anton aus dem Orden entlassen. Er ging in den Dienst der Diözese Hildesheim.“
Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, Abschnitt C I 1, S. 3. Original
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens (Deutsche Provinz); veröffentlicht vom Canisius-Kolleg: Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens, 27. Mai 2010. Original (abgerufen 15. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (2)
- : Aktualisiert: Tatsachen
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 16. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.