1978 – 2014 · 36 Jahre
· im Zeitstrahl zeigen
Vertuschung von Missbrauch im Erzbistum Freiburg (Bericht der AG Aktenanalyse)
Eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten von Justiz und Kriminalpolizei untersuchte 24 exemplarische Fälle im Erzbistum Freiburg. Sie kam zu dem Ergebnis, dass unter Erzbischof Oskar Saier und seinem Nachfolger bei Missbrauchsvorwürfen gegen Kleriker ein konkretes Vertuschungsverhalten praktiziert wurde. Saier lehnte kirchenrechtliche Untersuchungen und die Unterrichtung der Strafverfolgung grundsätzlich ab. Belastendes Schriftgut verschwand aus den Akten. Bis 2014 wurde keine kanonische Voruntersuchung eingeleitet. Die Belange der Betroffenen spielten bis Anfang der 2000er Jahre kaum eine Rolle.
- Zeitraum
- 1978 – 2014 (36 Jahre)
- Bericht veröffentlicht
- 18. April 2023
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Erzbistum Freiburg
- Kategorie
- Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
- Personen
- Oskar Saier (Erzbischof von Freiburg 1978 bis 2002)
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Die Erhebungen des Erzbistums für die MHG-Studie ergaben 190 beschuldigte Kleriker. Laut Arbeitsgruppe war die Zahl der Beschuldigten damals nicht vollständig erfasst. Die Arbeitsgruppe untersuchte schließlich 24 Fälle.
Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, S. 7, PDF-S. 16
„insgesamt 190 beschuldigte Kleriker ergeben“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, S. 7, PDF-S. 16. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, S. 7, PDF-S. 16
„davon auszugehen, dass die Anzahl der Beschuldigten bei den Vorarbeiten zur MHG-Studie nicht vollständig erfasst worden war“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, S. 7, PDF-S. 16. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, PDF-S. 18
„Schlussendlich wurden insgesamt 24 Fälle unterschiedlichen Umfangs“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, PDF-S. 18. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Bis 24. April 2014 wurde in keinem Fall eine kanonische Voruntersuchung eingeleitet, obwohl die Voraussetzungen laut Arbeitsgruppe vielfach vorlagen. Täter wurden beurlaubt, versetzt oder vorzeitig pensioniert; Auflagen wurden oft nicht überwacht.
Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.8, PDF-S. 341
„Fall eine kanonische Voruntersuchung gemäß can. 1717 CIC eingeleitet, obgleich die Voraussetzungen nach Ansicht der AG vielfach vorgelegen haben.“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.8, PDF-S. 341. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.8, PDF-S. 340
„bis zum 24.04.2014 in keinem“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.8, PDF-S. 340. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.13, PDF-S. 342
„Bei Beschuldigungen kam es zu Beurlaubungen, einer Recollectio, Versetzungen oder – teilweise vorzeitig – zu Zurruhesetzungen beschuldigter Priester.“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.13, PDF-S. 342. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.15, PDF-S. 343
„Die Einhaltung beschränkender Anweisungen wurde vor dem Episkopat des Erzbischofs Stephan Burger oftmals nicht oder nicht ausreichend überwacht.“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.15, PDF-S. 343. Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Die Belange der Betroffenen und die oft erheblichen körperlichen und seelischen Folgen wurden bis Anfang der 2000er Jahre kaum beachtet, laut Arbeitsgruppe nur durch eine umfassende Vertuschungshaltung zu erklären. Durch die Unterlassungen wurde auch keine Möglichkeit genutzt, künftigen Missbrauch zu verhindern.
Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.12, PDF-S. 342
„Die Belange der Betroffenen und die mit Missbrauchshandlungen einhergehenden oftmals erheblichen physischen und/oder psychischen Folgen waren bis etwa Anfang der 2000er-Jahre – nicht nachvollziehbar und letztlich nur durch eine umfassende kirchen- und klerikerbezogene Vertuschungshaltung zu erklären – nicht oder nur wenig in den Blick genommen worden.“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.12, PDF-S. 342. Original
Hintergrund
Reaktion der Kirche
- Während der Amtszeiten von Erzbischof Oskar Saier (1978 bis 2002) und seinem Nachfolger wurde bei Missbrauchsvorwürfen gegen Kleriker ein konkretes Vertuschungsverhalten praktiziert. Saier lehnte kirchenrechtliche Voruntersuchungen grundsätzlich ab und war nicht bereit, staatliche Strafverfolgungsbehörden zu unterrichten oder zu unterstützen.
Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13 Zusammenfassende Gesamtbewertungen, PDF-S. 338
„in Fällen der Beschuldigung eines Klerikers wegen sexuellen Missbrauchs bzw. sexualisierter Gewalt gegenüber einer minderjährigen Person ein konkretes Vertuschungsverhalten praktiziert“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13 Zusammenfassende Gesamtbewertungen, PDF-S. 338. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Abschnitt Erzbischof Dr. Saier, PDF-S. 95
„trat das Amt des 14. Erzbischofs von Freiburg am 04.04.1978 an und hatte es bis zum 30.06.2002 inne“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Abschnitt Erzbischof Dr. Saier, PDF-S. 95. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.1, PDF-S. 338
„Erzbischof Dr. Saier lehnte es grundsätzlich ab, in Missbrauchsangelegenheiten gegen beschuldigte und/oder verurteilte Priester kanonische Voruntersuchungen einzuleiten oder diesbezüglich auch nur substantiierte Erwägungen anzustellen. Ferner war er nicht bereit, staatliche Strafverfolgungsbehörden zu unterrichten oder bei den Ermittlungen zu unterstützen.“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.1, PDF-S. 338. Original - Belastendes Schriftgut wurde teils gar nicht zu den Akten genommen oder bald danach entfernt; die Arbeitsgruppe geht von seiner Vernichtung aus, die nur auf höchster, erzbischöflicher Ebene geschehen oder gebilligt worden sein dürfte. Die Protokolle der Ordinariatssitzungen bis 1992 und von 1998 bis 1999 fehlen fast vollständig.
Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.5, PDF-S. 339
„Da es dauerhaft verschwunden blieb, muss von dessen physischer Vernichtung ausgegangen werden.“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.5, PDF-S. 339. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.5, PDF-S. 339
„nur auf der „höchsten“, unmittelbar erzbischöflichen Ebene praktiziert worden oder mit deren Einvernehmen erfolgt sein“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.5, PDF-S. 339. Original Beleg: AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg, Kap. 13.6, PDF-S. 340
„gesamthaft in Verstoß geraten bzw. wurden gelöscht“
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, Kap. 13.6, PDF-S. 340. Original
Siehe auch
-
1946 – 2014 · 68 Jahre
Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker in Deutschland (MHG-Studie)
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
AG Machtstrukturen und Aktenanalyse, im Auftrag der Erzdiözese Freiburg: Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“, 18. April 2023. Original (abgerufen 12. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (1)
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 12. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.