Franziskaner in Deutschland seit 1945: Studie ermittelt knapp 100 beschuldigte Ordensmitglieder; kein Verfahren wurde je von sich aus eingeleitet, Täter wurden versetzt und missbrauchten erneut
Das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) legte im Januar 2026 im Auftrag der Deutschen Franziskanerprovinz eine Studie zu sexualisierter Gewalt seit 1945 vor. Sie ermittelte knapp 100 namentlich bekannte beschuldigte Ordensmitglieder, die meisten Fälle in Internatsschulen wie Vossenack, Ottbergen, Vlodrop und Dorsten. Kein Fall ist bekannt, in dem ein Mitbruder durch Eingreifen die Gewalt beendete. Straf- oder kirchenrechtliche Verfahren wurden in keinem bekannten Fall von sich aus veranlasst; man suchte mit Eltern Einigungen, die den Orden vor Schaden bewahrten, versetzte Täter, und die meisten wurden erneut übergriffig. Für das Schicksal der Betroffenen interessierte man sich laut Studie zu keiner Zeit.
- Zeitraum
- 1945-2025 (80 Jahre)
- Land
- Deutschland, Niederlande
- Institutionen
- Deutsche Franziskanerprovinz
Franziskanerprovinzen Saxonia
Thuringia
Colonia und Bavaria - Kategorie
- Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Die Studie ermittelte knapp 100 namentlich bekannte Mitglieder der deutschen Franziskanerprovinzen, gegen die Vorwürfe sexualisierter Gewalt erhoben wurden, und zahlreiche Hinweise auf weitere Tatverdächtige. Die meisten Fälle sind in Internatsschulen nachweisbar; zu Vossenack, Ottbergen, Vlodrop und den Einrichtungen in Dorsten liegen fundierte Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt vor. Weitere Fälle betrafen Ministranten in Gemeinden, junge Frauen in kirchlichen Kontexten und junge Männer in der Ordensausbildung. Täter isolierten Schüler, sicherten Geheimhaltung und begingen teils über lange Zeit schwere sexualisierte Gewalt.
Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 423
„Insgesamt wurden in der vorliegenden Studie knapp 100 namentlich bekannte Mitglieder der Deutschen Franziskanerprovinzen ermittelt, gegen die Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt erhoben wurden.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 423. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 424
„Zumindest zu Vossenack, Ottbergen, Vlodrop und den Einrichtungen in Dorsten liegen fundierte Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt vor.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 424. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 425
„Betroffene waren zum einen junge Frauen, die sich in kirchlichen Kontexten engagierten, zum anderen junge Männer in der Ordensausbildung.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 425. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 425
„Sie schufen Räume, in denen sie Schüler isolierten, Geheimhaltung sicherstellten und teils über lange Zeiträume schwere sexualisierte Gewalt begingen.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 425. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Für die Studie führte das IPP zwischen Januar 2024 und Oktober 2025 62 Interviews mit 23 Betroffenen, 21 Ordensmitgliedern und 20 Zeitzeugen und wertete rund 4.000 Seiten Akten aus; ein Abgleich mit Daten der Bistümer brachte weitere, der Ordensleitung bis dahin unbekannte Fälle. Untersucht wurde die Zeit von 1945 bis heute. Die Deutsche Franziskanerprovinz entstand 2010 aus vier Vorgängerprovinzen; nahezu alle bekannten Fälle wurden vor 2010 verübt.
Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 423
„62 Interviews mit 64 Personen geführt: 23 Betroffene, 21 Mitglieder der Deutschen Franziskanerprovinz, 20 Zeitzeug*innen.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 423. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 423
„wodurch weitere Fälle ermittelt wurden, die der Ordensleitung bislang noch nicht bekannt waren“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 423. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 2
„Der Untersuchungszeitraum umfasst jeweils die Zeit von 1945 bis heute.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 2. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 423
„Nahezu alle bekannt gewordenen Fälle sexualisierter Gewalt sind den Vorgängerprovinzen zuzuordnen, wurden also vor 2010 verübt.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 423. Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Zu keiner Zeit gab es in den Vorgängerprovinzen laut Studie ein Interesse am Schicksal der Betroffenen; handlungsleitend waren allein der Umgang mit dem beschuldigten Mitbruder und das Vermeiden negativer Außenwirkung. Auch später suchte man nicht nach weiteren Betroffenen. Im Orden hielt sich lange das Selbstbild, sexualisierte Gewalt sei ein Problem der anderen. Betroffene berichten von schweren Folgen bis hin zu Erkrankungen und gebrochenen Berufswegen, am häufigsten von Problemen in Partnerschaften. Erst ab 2011 kam es laut Studie zu einem Paradigmenwechsel im Umgang mit Betroffenen.
Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 427
„Wenn Fälle bekannt wurden, waren allein der Umgang mit dem jeweils beschuldigten Mitbruder und das Vermeiden negativer Außenwirkungen handlungsleitend.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 427. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 427
„wonach sexualisierte Gewalt ein Problem der Anderen sei“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 427. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 428
„Am häufigsten werden schwerwiegende Probleme in Bezug auf Partnerschaftsbeziehungen berichtet.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 428. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 429
„kam es ab 2011 zu einem Paradigmenwechsel in der Deutschen Franziskanerprovinz in Bezug auf die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und den Umgang mit Betroffenen“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 429. Original
Hintergrund
Reaktion der Kirche
- Laut Studie ist kein Fall bekannt, in dem sexualisierte Gewalt durch das Eingreifen eines Mitbruders aufgedeckt und beendet wurde. Die Verantwortlichen handelten nach eigenem Gutdünken; in keinem bekannten Fall wurden straf- oder kirchenrechtliche Verfahren von sich aus veranlasst. Meist handelte man nur auf Druck von Eltern und suchte Einigungen, die den Orden vor Schaden bewahrten. Täter wurden versetzt oder für begrenzte Zeit von bestimmten Tätigkeiten ausgeschlossen; in der Mehrzahl der Fälle wurden sie erneut übergriffig. Die Studie beschreibt das Handeln der Provinziale rückblickend als Varianten von Dilettantismus; Loyalität mit beschuldigten Mitbrüdern verhinderte konsequentes Einschreiten.
Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 425
„Es ist kein Fall bekannt, in dem sexualisierte Gewalt durch die Intervention eines Mitbruders aufgedeckt und nachhaltig beendet wurde.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 425. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 426
„In keinem bekannten Fall wurden straf- oder kirchenrechtliche Verfahren proaktiv veranlasst.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 426. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 426
„Dabei versuchte man mit ihnen Einigungen zu finden, die die Ordensgemeinschaft vor Schaden bewahrte.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 426. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 426
„In der Mehrzahl der Fälle wurden diese Ordensbrüder erneut durch sexualisierte Gewalt auffällig.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 426. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 426
„Retrospektiv lassen sich ihre Handlungsweisen als Varianten von Dilettantismus beschreiben.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 426. Original Beleg: Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, Kap. 7, S. 427
„Entsprechende Loyalitäten verhinderten auch ein konsequentes Einschreiten von Mitbrüdern bei Hinweisen auf sexualisierte Gewalt/Grenzverletzungen.“
Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, Kap. 7, S. 427. Original
Siehe auch
-
1946-2014 · 68 Jahre
Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker in Deutschland (MHG-Studie)
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
-
1957-2013 · 56 Jahre
Franziskaner-Minoriten 1957 bis 2013: Der Orden wirkte 1971 massiv auf ein Strafverfahren gegen einen Internatsleiter in Bonn ein; Eltern sollten die Anzeige zurückziehen
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Peter Caspari, Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus, Heiner Keupp, Camila Pinto Moncada, Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München: Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. Abschlussbericht, 1. Januar 2026. Original (abgerufen 31.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 31. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.