1946 – 2019 · 73 Jahre
· im Zeitstrahl zeigen
Erzbistum Berlin, Gutachten 2021 zu sexuellem Missbrauch durch Kleriker seit 1946
Ein Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin untersuchte 2021 die Akten von 61 Klerikern, die seit 1946 des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden, rund 4,2 Prozent aller Kleriker im Erzbistum. Ihnen waren 121 Betroffene zuzuordnen, die Dunkelziffer ist hoch. Bis 2002 zeigten die Akten deutlich mehr Mitgefühl mit den Beschuldigten als mit den Betroffenen; vorrangig sollte Schaden von der Institution abgewendet werden. Ein bereits verurteilter Ordenspriester wurde in Berlin Jugendseelsorger und verging sich erneut an Kindern.
- Zeitraum
- 1946 – 2019 (73 Jahre)
- Bericht veröffentlicht
- 1. Januar 2021
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Erzbistum Berlin
Kamillianerorden - Kategorie
- Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Den untersuchten 59 Beschuldigten waren nach den Akten 121 Betroffene zuzuordnen. Bei 19 Beschuldigten gab es Hinweise auf weitere Opfer, teils in Formulierungen wie „alle Ministranten“ oder „alle Kommunionskinder“; die tatsächliche Zahl der Betroffenen ist bis heute unbekannt.
Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 488 (PDF-S. 45)
„Nach dem Inhalt der untersuchten Akten der verbleibenden 59 Beschuldigten sind diesen insgesamt 121 Betroffene zuzuordnen.“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 488 (PDF-S. 45). Original Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 489 (PDF-S. 46)
„„alle Ministranten“, „mehrere Minderjährige“, „weitere junge Mädchen“, „alle Firmlinge“ oder „alle Kommunionskinder““
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 489 (PDF-S. 46). Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Im Erzbistum Berlin waren von 1946 bis Ende 2019 insgesamt 1445 Kleriker tätig; 61 von ihnen wurden beschuldigt, das sind 4,22 Prozent.
Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 488 (PDF-S. 45)
„Bei 61 Beschuldigten ergibt sich daraus ein Prozentsatz von 4,22 Prozent.“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 488 (PDF-S. 45). Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Die meisten Taten geschahen im engeren kirchlichen Umfeld: Bei 45 Betroffenen werden die Wohnung des Beschuldigten oder das Pfarrhaus als Tatort genannt, bei 22 Heim, Internat oder Hort, bei 21 die Kirche. Ein Schwerpunkt der bekannten Taten liegt in den 1950er und 1960er Jahren.
Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 490 (PDF-S. 47)
„In Bezug auf 45 Betroffene wird die Privatwohnung des Beschuldigten oder das Pfarrhaus als (ein) Tatort genannt.“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 490 (PDF-S. 47). Original Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 490 (PDF-S. 47)
„Weit überwiegend befanden sich die Tatorte somit im engeren kirchlichen Umfeld.“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 490 (PDF-S. 47). Original
Hintergrund
Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)
- Vor 2002 zeigen die Akten häufig deutlich mehr Mitgefühl mit den Beschuldigten als mit den Betroffenen; zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass es den Verantwortlichen im Ordinariat vor allem darum ging, Schaden von der Institution abzuwenden.
Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 487 (PDF-S. 44)
„Während in den Jahren vor 2002 aus den Akten häufig noch eine deutlich größere Empathie mit den Beschuldigten zu erkennen ist als sie den Betroffenen gegenüber entgegengebracht wurde“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 487 (PDF-S. 44). Original Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 488 (PDF-S. 45)
„Schaden von der Institution abzuwenden“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, Zusammenfassung der Erkenntnisse, S. 488 (PDF-S. 45). Original
Reaktion der Kirche
- Ein Ordenspriester der Kamillianer, 1958 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt, wurde vier Jahre später Kaplan in einer Berliner Gemeinde, unterrichtete Religion und wurde Jugendseelsorger der Mädchengruppen. Der Orden hatte das Ordinariat nicht über die Verurteilung informiert. 1967 wurde er wegen sieben weiterer Taten erneut verurteilt und war danach als Pfarrer im Erzbistum Paderborn tätig.
Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, V. Versetzung, S. 500 (PDF-S. 57)
„der trotz einer strafrechtlichen Verurteilung im Jahr 1958 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger vier Jahre später aufgrund eines Gestellungsvertrages mit dem Orden zum Kaplan in einer Berliner Gemeinde berufen wurde, zugleich Religionsunterricht in einer Schule erteilte und zum Jugendseelsorger der Mädchengruppen seiner Gemeinde ernannt wurde“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, V. Versetzung, S. 500 (PDF-S. 57). Original Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, V. Versetzung, S. 500 (PDF-S. 57)
„Im Jahr 1967 wurde er wegen insgesamt sieben Missbrauchstaten erneut strafrechtlich verurteilt.“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, V. Versetzung, S. 500 (PDF-S. 57). Original Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, V. Versetzung, S. 500 (PDF-S. 57)
„war offenbar danach weiter als Priester im Erzbistum Paderborn inkardiniert und auch dort als Pfarrer tätig“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, V. Versetzung, S. 500 (PDF-S. 57). Original - Die hierarchische Struktur des Ordinariats erwies sich als Hemmschuh: Jede Hierarchieebene verließ sich fast ohne Absprache auf die andere.
Beleg: Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin, Teil D, VI. Hierarchische Strukturen, S. 501 (PDF-S. 58)
„dass sich jeweils eine Hierarchieebene nahezu kommunikationslos auf die andere Hierarchieebene verlassen hat“
Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, Teil D, VI. Hierarchische Strukturen, S. 501 (PDF-S. 58). Original
Siehe auch
-
1981 – 2010 · 29 Jahre
Bistum Hildesheim, Fall des Priesters „Anton P.“, institutionelles Versagen 1981 bis 2010 (IPP-Gutachten 2017)
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Peter-Andreas Brand, Sabine Wildfeuer (Redeker Sellner Dahs), im Auftrag des Erzbistums Berlin: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946. Gutachten im Auftrag des Erzbischofs von Berlin, 1. Januar 2021. Original (abgerufen 15. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (1)
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 15. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.