Jesuitenkolleg St. Blasien 1946 bis 1990: Bericht der Ordensbeauftragten nennt über 40 Meldungen zu sexuellem Missbrauch und Prügeln im Internat; Opfer wurden trotz Kenntnis der Übergriffe nicht wahrgenommen
Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg legte die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, die Rechtsanwältin Ursula Raue, im Februar 2011 einen eigenen Bericht zum Kolleg St. Blasien im Schwarzwald vor. Bei ihr gingen mehr als 40 Meldungen ein. Sie beschreibt drei Komplexe: die sexuell-sadistischen Prügel eines Paters in den 1980er Jahren, sexuellen Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung durch drei frühere Patres vor allem in den 1960er Jahren und brutale körperliche Strafen über Jahrzehnte. Der Orden nahm die Opfer laut Bericht auch dann nicht in den Blick, als er von den Taten wusste; einen Pater ließ er 1962 nach Vorwürfen austreten und vereinbarte Stillschweigen. Die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen stellte ihre Ermittlungen im Dezember 2010 ein. Der Bericht verwendet für alle Beschuldigten Pseudonyme.
- Zeitraum
- 1946-1990 (44 Jahre)
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Kolleg St. Blasien
Jesuitenorden Deutsche Provinz - Kategorie
- Gewalt, Sexueller Missbrauch
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Bei der Beauftragten gingen mehr als 40 Meldungen zu St. Blasien ein. Ein Pater schlug Schüler von 1982 bis 1984 und bei Besuchen 1987 und 1988 teils exzessiv auf das nackte oder bekleidete Gesäß, nach einer Art Vereinbarung über Noten oder Strafen; die sexuell-sadistische Seite erkannten die Opfer erst viel später. Ein Präfekt holte in den 1960er Jahren nachts Schüler aus dem Schlafsaal, schlug sie und umarmte sie dann mit Erektion; sechs Betroffene meldeten sich, eines berichtet von brutaler Vergewaltigung. Einem weiteren früheren Pater wirft ein Schüler vielfache Vergewaltigung vor. Über Jahrzehnte prügelten Patres Schüler mit Rohrstock, Lederriemen oder Schlauch.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, Meldungen
„Insgesamt sind bei mir mehr als 40 Meldungen, die das Kolleg St. Blasien betreffen, eingegangen.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, Meldungen. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 1
„Pater Bertram bediente sich immer desselben Musters.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 1. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 2
„Eines der Opfer berichtet von brutaler Vergewaltigung und Analverkehr.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 2. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 2
„Es geht um vielfache Vergewaltigung.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 2. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 3
„oder einem Lederriemen geschlagen“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 3. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Der Bericht vom 15. Februar 2011 erfasst Fälle sexuellen Missbrauchs im Kolleg St. Blasien von 1946 bis in die 1980er Jahre. Raue sah Personal- und Schülerakten des Ordens und des Kollegs ein und sprach mit Lehrern, Erziehern und der Staatsanwaltschaft. Sie geht davon aus, dass eine erhebliche Zahl von Übergriffen nie gemeldet wurde. Die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen stellte ihre Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern am Kolleg am 21. Dezember 2010 ein.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, A. Auftrag und Ausführung
„Dieser Bericht erfasst Fälle sexuellen Missbrauchs im Kolleg St. Blasien in dem Zeitraum“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, A. Auftrag und Ausführung. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, A. Auftrag und Ausführung
„muss davon ausgegangen werden, dass nach wie vor eine erhebliche Zahl von Übergriffen“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, A. Auftrag und Ausführung. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, A. Auftrag und Ausführung
„am 21. Dezember 2010 eingestellt wurden.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, A. Auftrag und Ausführung. Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Im Juli 2010 schrieb der Provinzial acht früheren Schülern, die das wünschten, persönliche Entschuldigungsbriefe. Bis Februar 2011 übernahm der Orden in zwei Fällen Therapiekosten; über materielle Wiedergutmachung war noch nicht entschieden.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, D. Konsequenzen, 3
„an acht ehemalige Schüler des Kollegs St. Blasien geschrieben“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, D. Konsequenzen, 3. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, D. Konsequenzen, 3
„In zwei Fällen wurden bisher Therapiekosten für ehemalige St. Blasien-Schüler“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, D. Konsequenzen, 3. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, D. Konsequenzen, 3
„Weitere Maßnahmen für eine materielle Wiedergutmachung stehen noch zur Entscheidung“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, D. Konsequenzen, 3. Original
Hintergrund
Reaktion der Kirche
- Als die Prügelexzesse 1992 im Laisierungsverfahren des ersten Paters bekannt wurden, gerieten die Opfer nicht in den Blick der Ordensverantwortlichen; der damalige Provinzial bedauerte 2010, sich nicht um sie gekümmert zu haben. Ein Pater, gegen den 1962 Vorwürfe erhoben wurden, trat nach einem Gespräch mit dem Provinzial aus dem Orden aus; über die Vorwürfe wurde laut seiner Aussage Stillschweigen vereinbart. Auf eine Anfrage des Bistums Regensburg 1964 antwortete der Provinzial nur, er könne keine Verantwortung übernehmen. Raue nennt als Merkmale: Hilflosigkeit der Opfer, Schweigen von Mitwissenden und ein System, das die Institution über die Opfer stellt.
Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 1, Reaktion des Ordens
„Opfer nicht in den Blick der Ordensverantwortlichen“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 1, Reaktion des Ordens. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 2, Pater Otmar
„die Vorwürfe im Einzelnen sei Stillschweigen vereinbart worden.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 2, Pater Otmar. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 2, Pater Otmar
„SJ hat darauf geantwortet, er könne keine Verantwortung übernehmen.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 2, Pater Otmar. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, B. Ermittlungen, zu 2, Pater Otmar
„Als Opfer wurden die betroffenen Jungen trotz Kenntnis der Übergriffe nicht wahrgenommen.“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, B. Ermittlungen, zu 2, Pater Otmar. Original Beleg: Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs, C. Bewertung
„Ein System, das die Institution über die Opfer stellt und deren Nöte nicht erkennt“
Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, C. Bewertung. Original
Siehe auch
-
1950-2010 · 60 Jahre
Aloisiuskolleg Bonn-Bad Godesberg 1950 bis 2010: 123 Hinweise auf Grenzverletzungen; im Fall eines Paters wirkten Ordensleitung in Rom, Provinzial und Kollegsleitung laut Bericht kollusiv zusammen
- Deutschland
- Gewalt
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
-
1957-1990 · 33 Jahre
Canisius-Kolleg Berlin und weitere Jesuitenschulen, Missbrauch und Prügel durch Patres (Raue-Bericht 2010)
- Deutschland
- Gewalt
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Ursula Raue, Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs: Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien, 15. Februar 2011. Original (abgerufen 31.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
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Zuletzt geändert am 31. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.