Sexualisierte Gewalt durch Geistliche im Bistum Essen (IPP-Studie 2023)
Das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung untersuchte im Auftrag des Bistums Essen sexualisierte Gewalt durch Geistliche seit 1958. Der Datensatz umfasst 190 beschuldigte Personen, die meisten Diözesanpriester; Tatorte waren vor allem Gemeinden und Heime. Die Studie zeigt am Beispiel eines Kaplans, der mindestens 23 Kinder und Jugendliche missbrauchte: Das Bistum versetzte ihn nach München, verschwieg den Gemeinden die Vorwürfe und erhob nie Einwände, als er dort wieder mit Kindern arbeitete. Die Korrespondenz zwischen den Bistümern drehte sich vor allem um seine Besoldung.
- Zeitraum
- 1958 – 2021 (63 Jahre)
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Bistum Essen
- Kategorie
- Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Der von der Studie ausgewertete Datensatz enthält 190 beschuldigte Personen (Stand 2021), darunter 19, die das Bistum als rehabilitiert ansieht. Die größte Gruppe sind Diözesanpriester (rund die Hälfte). Die Forschenden gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Tatorte waren überwiegend Gemeinden (67 Angaben) und Heime (44).
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 2, S. 22
„so dass der Datensatz aus 190 „Personen“ besteht. Da wir von einer hohen Dunkelziffer von Missbrauchsfällen ausgehen“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 2, S. 22. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 2, S. 22
„dass er auch Daten zu 19 beschuldigten Personen enthält, die aus Sicht des Bistums Essen als rehabilitiert anzusehen sind“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 2, S. 22. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 2.1, S. 23
„Die größte Personengruppe sind die Diözesanpriester mit 51% bzw. 50% bei 87 bzw. 95 Nennungen“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 2.1, S. 23. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 2.2, S. 24
„Tatorte sind überwiegend Gemeinden (67 Angaben), Heime (44 Angaben), Schulen (10 Angaben).“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 2.2, S. 24. Original - Ein Kaplan des Bistums missbrauchte laut Studie mindestens 23 Kinder und Jugendliche. Er machte Jungen in der Gemeinde mit Alkohol wehrlos; ein Betroffener berichtet, als Elfjähriger mit fast einem Liter Messwein abgefüllt worden zu sein.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63
„N. war ein Intensivtäter, der mindestens 23 Kinder und Jugendliche sexuell ausgebeutet hat.“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3.7, S. 64
„Wehrlos machen mit Alkohol war eine Strategie von N.“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3.7, S. 64. Original
Zeugenberichte und Akten
Ja, ja, wenn man dann einen Elfjährigen mit fast einem Liter Messwein abfüllt, können Sie sich ja vorstellen (lacht), in welchem Zustand ich mich da befunden hab.
Hintergrund
Ablauf
- Die Studie untersucht sexualisierte Gewalt durch Geistliche im Bistum Essen seit 1958; der ausgewertete Datensatz gibt den Stand 2021 wieder.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Vorbemerkung
„die durch Geistliche im Bistum Essen seit dem Jahr 1958 verübt wurde“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Vorbemerkung. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 2, S. 22
„gibt den Stand im Jahr 2021 wieder“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 2, S. 22. Original
Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)
- Die übliche katholische Versetzungspraxis diente laut Studie dem Täterschutz und dem Schutz der Institution Kirche; Täter wurden von einem Bistum ins andere und von einer Gemeinde in einen Orden und zurück verschoben.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3, S. 36
„Bisher wurde die übliche katholische Versetzungspraxis vor allem unter den Aspekten des Täterschutzes und des Schutzes der Institution Kirche betrachtet. Das Verschieben der Täter von einem Bistum zum anderen, von einer Gemeinde in einen Orden und zurück“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3, S. 36. Original
Reaktion der Kirche
- Das Bistum Essen versetzte den Kaplan nach München, verschwieg den Gemeinden die Vorwürfe und zeigte keine Empathie gegenüber den Kindern und ihren Eltern. Obwohl er verurteilt und in Therapie war, durfte er über Jahre wieder mit Kindern arbeiten; die Essener Verantwortlichen wussten davon und erhoben nie schriftlich Bedenken. Die Korrespondenz zwischen den Bistümern drehte sich vor allem um Besoldungsfragen. Erst ab 2010 wurde der Fall zum Fall.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3.6 Fazit, S. 62
„Die Versetzung nach München, die Vertuschung der Beschuldigungen gegenüber den betroffenen Gemeinden, die völlige Empathielosigkeit gegenüber den betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3.6 Fazit, S. 62. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63
„Und dennoch wurde ihm mehrmals gestattet, über Jahre hinweg mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Die Verantwortlichen im Bistum Essen waren über alle diese Schritte informiert.“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63
„Die Korrespondenz zwischen den Bistümern drehte sich über weite Strecken vor allem um Besoldungsfragen.“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63. Original Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63
„Erst ab 2010 wird der Fall N. zum Fall.“
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen, Kap. 3.6 Fazit, S. 63. Original
Siehe auch
-
1945 – 2019 · 74 Jahre
Sexueller Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising (Gutachten 2022)
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
-
1946 – 2014 · 68 Jahre
Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker in Deutschland (MHG-Studie)
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München: Dill, Täubrich, Caspari, Schubert, Hackenschmied, Pinar, Helming; im Auftrag des Bistums Essen: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen: Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen. Original (abgerufen 12. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (2)
- : Aktualisiert: Tatsachen
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 12. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.