Kirchenakte Belegte Ereignisse aus Urteilen, Berichten und kirchlichen Dokumenten
27.03.1995 – 27.02.1998 · 2 Jahre · im Zeitstrahl zeigen

Fall Groër: Missbrauchsvorwürfe gegen den Wiener Erzbischof

Am 27. März 1995 veröffentlichte das Magazin profil den Vorwurf eines ehemaligen Schülers, der Wiener Erzbischof Kardinal Hans Hermann Groër habe ihn über Jahre missbraucht. Groër schwieg. Er gab den Vorsitz der Bischofskonferenz ab, der Papst stellte ihm Christoph Schönborn als Nachfolger zur Seite und nahm im September 1995 seinen Rücktritt an. 1998 erklärten vier Bischöfe, sie seien zur „moralischen Gewissheit“ gelangt, dass die Vorwürfe im Wesentlichen zutreffen. Das Ergebnis der vatikanischen Visitation wurde nie veröffentlicht.

Zeitraum
27.03.1995 – 27.02.1998 (2 Jahre)
Land
Vatikanstadt, Österreich
Institutionen
Erzdiözese Wien
Österreichische Bischofskonferenz
Heiliger Stuhl
Kategorie
Eingeständnis, Sexueller Missbrauch, Vertuschung
Belegstufe
A Primärquelle · was heißt das?
Personen
Hans Hermann Groër (Erzbischof von Wien 1986 bis 1995, Kardinal (gestorben 2003))

Was den Menschen geschah

Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen

  1. Am 27. März 1995 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin profil schwere Vorwürfe gegen Erzbischof Groër: Ein ehemaliger Schüler warf ihm vor, ihn über Jahre missbraucht zu haben.
    Beleg: Erzdiözese Wien, Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr
    „Am 27. März veröffentlicht das Nachrichtenmagazin Profil schwere Vorwürfe gegen den Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër. Ein ehemaliger Schüler wirft ihm vor, über Jahre hinweg missbraucht worden zu sein.“
    1995 - Das Schicksalsjahr (Chronik Kardinal Schönborn), Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr. Original

Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?

  1. Am 6. April 1995 gab Groër den Vorsitz der Bischofskonferenz ab. Am 13. April stellte ihm der Papst Christoph Schönborn als Koadjutor mit Nachfolgerecht zur Seite, offiziell ohne Zusammenhang mit den Vorwürfen. Johannes Paul II. nahm Groërs Rücktritt mit Wirkung vom 14. September 1995 an. Ein Verfahren gegen ihn gab es nicht; die Vorwürfe blieben laut Erzdiözese ungeklärt.
    Beleg: Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs, Kap. 1, PDF-S. 1
    „Am 6. April 1995 verzichtete Kardinal Groër auf den Vorsitz der Österreichischen Bischofskonferenz“
    Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1, PDF-S. 1. Original
    Beleg: Erzdiözese Wien, Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr
    „Offiziell hat diese Entscheidung nichts mit den Vorwürfen zu tun. Doch kaum jemand glaubt an einen Zufall.“
    1995 - Das Schicksalsjahr (Chronik Kardinal Schönborn), Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr. Original
    Beleg: Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs, Kap. 1, PDF-S. 1
    „Papst Johannes Paul II. nahm am 14. August 1995 das Rücktrittsgesuch Kardinal Groërs mit Wirksamkeit 14. September 1995 an“
    Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1, PDF-S. 1. Original
    Beleg: Erzdiözese Wien, Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr
    „Die Vorwürfe gegen Groër bleiben ungeklärt“
    1995 - Das Schicksalsjahr (Chronik Kardinal Schönborn), Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr. Original

Was geschah mit den Betroffenen?

  1. Der Fall erschütterte die Kirche in Österreich und löste das „Kirchenvolks-Begehren“ aus. Ab 1996 richteten die Diözesen Ombudsstellen für Opfer ein, zuerst Wien.
    Beleg: Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs, Kap. 1, PDF-S. 1, Fußnote 2
    „Auslöser waren die erhobenen Vorwürfe gegen Kardinal Groër“
    Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1, PDF-S. 1, Fußnote 2. Original
    Beleg: Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs, Kap. 1.1, PDF-S. 1
    „Kardinal Schönborn hat daher mit 1. Jänner 1996 die Beratungs- und Beschwerdestelle für Fälle sexueller Diskriminierung eingerichtet“
    Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1.1, PDF-S. 1. Original

Hintergrund

Reaktion der Kirche

  1. Die ersten Reaktionen in der Kirche waren laut Erzdiözese Wien vorsichtig, „fast abwehrend“; manche sprachen von einer Kampagne gegen die Kirche. Groër selbst schwieg.
    Beleg: Erzdiözese Wien, Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr
    „Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten – aber sie sind zunächst vorsichtig, fast abwehrend. Manche stellen die Vorwürfe infrage und sprechen von einer Kampagne gegen die Kirche.“
    1995 - Das Schicksalsjahr (Chronik Kardinal Schönborn), Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr. Original
    Beleg: Erzdiözese Wien, Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr
    „Hans Hermann Groër selbst schweigt“
    1995 - Das Schicksalsjahr (Chronik Kardinal Schönborn), Abschnitt 1995 - Das Schicksalsjahr. Original
  2. Am 27. Februar 1998 erklärten die Bischöfe Christoph Schönborn, Johann Weber, Georg Eder und Egon Kapellari, sie seien zur „moralischen Gewissheit“ gelangt, dass die Vorwürfe gegen Groër im Wesentlichen zutreffen. Anlass war eine vom Vatikan angekündigte Visitation des Stiftes Göttweig im März 1998; ihr Ergebnis wurde nie veröffentlicht.
    Beleg: Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs, Kap. 1.2, PDF-S. 2
    „Wir sind nun zur moralischen Gewissheit gelangt, dass die gegen Alterzbischof Kardinal Hans Hermann Groër erhobenen Vorwürfe im Wesentlichen zutreffen“
    Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1.2, PDF-S. 2. Original
    Beleg: Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs, Kap. 1.2, PDF-S. 2
    „Visitation wurde im März 1998 durchgeführt, das Ergebnis wurde nicht veröffentlicht“
    Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1.2, PDF-S. 2. Original

Originaltexte

Originaltext Erklärung der Bischöfe Schönborn, Weber, Eder und Kapellari, 27. Februar 1998

Wir sind nun zur moralischen Gewissheit gelangt, dass die gegen Alterzbischof Kardinal Hans Hermann Groër erhobenen Vorwürfe im Wesentlichen zutreffen. Sein Schweigen haben wir zu ertragen, können aber selbst nicht schweigen, wenn wir unserer Verantwortung für die Kirche gerecht werden sollen. Wir fühlen uns zu dieser Erklärung besonders verpflichtet, weil ein Schweigen die Seelsorge der Kirche weiterhin durch den lähmenden Generalverdacht belasten würde, der Ruf eines Kardinals sei der Kirche wichtiger als das Wohl junger Menschen.

Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs: Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), Kap. 1.2, PDF-S. 2 (nach Kathpress, 28. Februar 1998). Original

Siehe auch

Originaldokumente zum Nachlesen

  1. Kirchliches Dokument
    Hösele, Kupka-Baier, List, Scholz, Wuthe (Hg.), veröffentlicht von den Ombudsstellen der katholischen Kirche Österreichs: Opferschutz und Missbrauchsprävention. Entwicklung und Ist-Stand in der katholischen Kirche in Österreich (Buch-Auszug aus „15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung“), 1. Oktober 2025. Original (abgerufen 12. 10. 2026)
  2. Kirchliches Dokument
    Erzdiözese Wien: 1995 - Das Schicksalsjahr (Chronik Kardinal Schönborn). Original (abgerufen 12. 10. 2026)
Änderungsprotokoll (1)
  • : Aufgenommen

Zuletzt geändert am 12. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.