Kirchenakte Belegte Ereignisse aus Urteilen, Berichten und kirchlichen Dokumenten
1907-1967 · 60 Jahre · im Zeitstrahl zeigen

Kinderheim Einsiedeln 1907 bis 1967: Ingenbohler Schwestern straften mit Prügel, Essensentzug und Untertauchen bettnässender Kinder; Studie spricht von teils rituellem Charakter der Gewalt

Das Waisenhaus und spätere Kinderheim des Bezirks Einsiedeln im Kanton Schwyz wurde rund hundert Jahre lang von Ordensschwestern der Kongregation Ingenbohl geführt. Eine 2025 veröffentlichte Studie im Auftrag des Bezirks stellt fest, dass zum gängigen Repertoire der Strafen schwere Zusatzarbeiten, Essensentzug, Ohrfeigen, Einsperren und Demütigungen gehörten; es gebe auch Hinweise auf Prügelexzesse bei „Teufelsaustreibungen“ und auf wiederholtes Untertauchen bettnässender Kinder in kaltem Wasser unter Todesängsten. Diese Übergriffe ließen laut Studie sadistische Vorlieben gewisser Ordensleute vermuten und hätten teils rituellen Charakter gehabt. Eine unabhängige Kontrolle gab es nicht; Bezirk und Kongregation kontrollierten sich im Grunde selbst.

Zeitraum
1907-1967 (60 Jahre)
Land
Schweiz
Institutionen
Kinderheim Einsiedeln
Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz Ingenbohl
Bezirk Einsiedeln
Kategorie
Gewalt
Belegstufe
A Primärquelle · was heißt das?

Was den Menschen geschah

Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen

  1. Laut Studie gehörten stark beanspruchende Zusatzarbeiten, Kostschmälerung oder Mahlzeitenentzug, Ohrfeigen, „Tatzen“ und Einsperrstrafen sowie Demütigungen, Abwertungen und Bloßstellungen zum gängigen Repertoire der Sanktionen. Darüber hinaus finden sich Hinweise auf Prügelexzesse im Rahmen von „Teufelsaustreibungen“ und auf wiederholtes Untertauchen bettnässender Kinder im kalten Wasser unter Zufügung von Todesängsten. Diese Übergriffe sprengten laut Studie den Rahmen zeitgenössisch akzeptierter Maßregelung, ließen sadistische Vorlieben gewisser Ordensleute und Erzieherinnen vermuten und hätten teils beinahe rituellen Charakter gehabt; mehrere Frauen beteiligten sich. Nicht alle Schwestern verhielten sich so; einige erhalten von Ehemaligen ein gutes Zeugnis.
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 215
    „Ohrfeigen, «Tatzen» und Einsperrstrafen“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 215. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 215
    „Prügelexzesse im Heim im Rahmen von «Teufelsaustreibungen» oder wiederholtes Untertauchen bettnässender Kinder im kalten Wasser unter Zufügung von Todesängsten“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 215. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 215
    „lassen sadistische Vorlieben gewisser Ordensleute und Erzieherinnen vermuten“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 215. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 215
    „Vielmehr scheinen sie teilweise beinahe schon rituellen Charakter gehabt zu haben. Mehrere Frauen beteiligten sich daran.“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 215. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 215
    „Gleichwohl ist festzuhalten, dass sich längst nicht alle Ordensschwestern gegenüber ihren Pflegebefohlenen auf diese Weise verhielten.“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 215. Original

Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?

  1. Die Studie der Historikerinnen und Historiker Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer und Christine Matter erschien 2025 im Auftrag des Bezirks Einsiedeln und untersucht das Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim von 1861 bis 1972. Das Waisenhaus existierte als eigene Einrichtung seit 1907; der Wechsel von der geistlichen zur weltlichen Heimleitung erfolgte 1967.
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Titel
    „Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Titel. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 213
    „Das Waisenhaus existierte faktisch erst seit 1907“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 213. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 218
    „Der Wechsel in der Leitung der Kinderheims 1967“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 218. Original

Hintergrund

Reaktion der Kirche

  1. Die hundertjährige Zusammenarbeit von Bezirksverwaltung und Ingenbohler Kongregation, die sich im Grunde selbst beaufsichtigten, erwies sich laut Studie als gravierender Nachteil für die Kinder: Eine Kontrolle ihres Wohlergehens durch eine unabhängige Instanz fand nicht statt, unangekündigte Besuche gab es nur durch Vertreterinnen des Mutterhauses. Die Schwestern galten als kostengünstige Kräfte mit hohem moralischem Kapital und als unangreifbar; öffentliche oder behördliche Kritik wurde beinahe nie laut. Die Kinder litten unter Einsamkeit; die Religion diente laut Studie auch dazu, ihnen Angst vor Sünde einzuimpfen.
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 214
    „Eine Kontrolle des Wohlergehens der Kinder fand, wie gezeigt wurde, nicht über eine unabhängige Instanz statt.“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 214. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 214
    „Unangekündigte Heimbesuche fanden lediglich durch Vertreterinnen des Ingenbohler Mutterhauses statt“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 214. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 214
    „galten zudem als unangreifbar und unfehlbar bezüglich ihres“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 214. Original
    Beleg: Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln, Kap. 11, S. 216
    „Die Religion spielte hier eine wichtige Rolle, indem den Kindern die Angst vor sündhaftem Verhalten und die Pflicht zur Busse und Beichte offenbar gleichsam eingeimpft wurden.“
    Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, Kap. 11, S. 216. Original

Siehe auch

Originaldokumente zum Nachlesen

  1. Kommissionsbericht
    Kevin Heiniger, Simone Girard-Groeber, Annette Lichtenauer, Christine Matter; Bezirk Einsiedeln: Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972, 1. Januar 2025. Original (abgerufen 31.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
  • : Aufgenommen

Zuletzt geändert am 31. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.