Katholische Kinderheime in Tirol 1945 bis 1990: Gewalt stand laut Studie an der Tagesordnung; in Martinsbühel Arbeitszwang, ein Pater ließ sich Mädchen zuführen, eine Schwester verbrühte ein Kind
Im Auftrag einer 2019 von Land Tirol, Diözese Innsbruck und Ordensgemeinschaften eingesetzten Kommission untersuchten die Zeithistoriker Ina Friedmann und Friedrich Stepanek sieben katholische Kinderheime in Tirol, darunter das Mädchenheim Martinsbühel der Benediktinerinnen. Ihre Studie von 2022 beruht auf 75 Interviews und hält fest, dass Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen an der Tagesordnung stand. In Martinsbühel bestand der größte Arbeitszwang; Kinder wurden geschlagen, zum Essen gezwungen, eine Schwester verbrühte 1963 ein Mädchen in heißem Wasser und wurde verurteilt. Ehemalige berichten, der Superior von Martinsbühel und andere Geistliche hätten sich Mädchen zuführen lassen und sie sexuell bedrängt. Kirchliche Vertreter versuchten laut Studie noch während der Forschung, ihre Verantwortung abzuschwächen.
- Zeitraum
- 1945-1990 (45 Jahre)
- Land
- Österreich
- Institutionen
- Kinderheim Martinsbühel
Benediktinerinnen von Scharnitz
Erzabtei St. Peter Salzburg
Bubenburg Fügen
Seraphisches Liebeswerk
Diözese Innsbruck - Kategorie
- Gewalt, Sexueller Missbrauch, Zwangsarbeit
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Laut Studie stand Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen in den Heimen an der Tagesordnung; die meisten Zeitzeugen empfanden die Atmosphäre als angstbehaftet und gewaltgeprägt. In Martinsbühel musste in den 1970er Jahren eine Schwester bis zu 50 Mädchen betreuen. Berichtet werden Schläge, Strafen für Bettnässen und Zwangsfüttern; eine Frau aus dem Elisabethinum erinnert, man habe ihr das erbrochene Essen wieder in den Mund gestopft. Martinsbühel war laut Studie unbestreitbar das Heim mit dem größten Arbeitszwang; die Arbeit von Heimmädchen in der Gärtnerei der Patres wertet die Studie als Ausbeutung der Arbeitskraft der Kinder.
Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Gewalt, S. 319
„Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen stand in den Heimen an der Tagesordnung.“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Gewalt, S. 319. Original Beleg: Amt der Tiroler Landesregierung, Öffentlichkeitsarbeit, Medieninformation, S. 2
„in Martinsbühel musste etwa eine Schwester in den 1970er-Jahren bis zu 50 Mädchen betreuen“
Medieninformation: Dreierkommission Martinsbühel legt Abschlussbericht „Demut lernen“ vor, Medieninformation, S. 2. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Gewalt, S. 320
„Sie haben mir das erbrochene Essen wieder in den Mund gestopft.“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Gewalt, S. 320. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. (Zwangs-)Arbeit, S. 282
„als Ausbeutung der Arbeitskraft der Kinder zu betrachten“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. (Zwangs-)Arbeit, S. 282. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. (Zwangs-)Arbeit, S. 282
„doch war Martinsbühel unbestreitbar das Heim, in dem der größte Arbeitszwang für die Kinder bestand“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. (Zwangs-)Arbeit, S. 282. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Die Studie entstand im Auftrag der 2019 vom Land Tirol, der Diözese Innsbruck und Vertretern der Ordensgemeinschaften eingesetzten Dreierkommission Martinsbühel. Untersucht wurden die Heime Martinsbühel, Scharnitz, Josefinum in Volders, Bubenburg in Fügen, St. Josef in Mils, Thurnfeld in Hall und Elisabethinum in Axams; 75 Personen wurden interviewt. Laut Studie gab und gibt es für die Orden keine Verpflichtung, ihre Akten zu öffnen; die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Mutterkloster der Benediktinerinnen war sehr schwierig.
Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Forschungsauftrag, S. 9
„dass es für die Orden keine Verpflichtung gab und gibt, ihre Akten zu öffnen“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Forschungsauftrag, S. 9. Original Beleg: Amt der Tiroler Landesregierung, Öffentlichkeitsarbeit, Medieninformation, S. 1
„im Jahr 2019 vom Land Tirol, der Diözese Innsbruck sowie den VertreterInnen der Ordensgemeinschaften eingesetzt wurde“
Medieninformation: Dreierkommission Martinsbühel legt Abschlussbericht „Demut lernen“ vor, Medieninformation, S. 1. Original Beleg: Amt der Tiroler Landesregierung, Öffentlichkeitsarbeit, Medieninformation, S. 1
„konnten 75 Personen interviewt werden“
Medieninformation: Dreierkommission Martinsbühel legt Abschlussbericht „Demut lernen“ vor, Medieninformation, S. 1. Original Beleg: Amt der Tiroler Landesregierung, Öffentlichkeitsarbeit, Medieninformation, S. 2
„Zudem war die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Mutterkloster der Benediktinerinnen von Scharnitz sehr schwierig.“
Medieninformation: Dreierkommission Martinsbühel legt Abschlussbericht „Demut lernen“ vor, Medieninformation, S. 2. Original - Im Januar 1963 drückte eine Ordensschwester in Martinsbühel ein knapp 14-jähriges Mädchen trotz dessen Klagen mehrmals in zu heißes Wasser; das Kind erlitt Verbrennungen dritten Grades und durfte darüber nicht sprechen. Das Bezirksgericht verurteilte die Schwester 1963 wegen Übertretung gegen die Sicherheit des Lebens zu einer Woche Arrest auf Bewährung und hielt ihr eine an und für sich gute Absicht zugute. Die Studie hält die Annahme, sie habe die Hitze übersehen, angesichts der Schwere der Verletzungen für unglaubhaft.
Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 345
„Darüber hinaus wies er auf Verbrennungen 3. Grades an Unter- und Oberschenkeln hin“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 345. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 346
„Bevor ich in die Hautklinik gebracht wurde verbot mir Schwester Caritas noch darüber etwas zu sagen, wie ich mir die Verbrennungen zugezogen habe.“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 346. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 346
„zu einer Woche Arrest und gemäß § 389 StPO. zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 346. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 346
„Die Schwere der Verletzung spricht zudem dafür, dass Sr. Caritas nicht einfach „übersehen“ haben konnte“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Umgang mit Gewaltvorwürfen, S. 346. Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Laut Studie versuchten Vertreter der Einrichtungen auch während der Forschung, ihre damalige Verantwortung abzuschwächen, etwa indem sie Einweisungen nach Martinsbühel als Einzelfälle oder die Ordensfrauen als die eigentlichen Opfer darstellten. Breite Anerkennung von Misshandlungs- und Missbrauchserfahrungen in konfessionellen Einrichtungen gebe es bis heute nicht. Das Heim Martinsbühel wurde 2006 geschlossen.
Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Forschungskontext, S. 9
„versuchen die jeweilige Involvierung in die damaligen Zustände abzuschwächen“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Forschungskontext, S. 9. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Forschungskontext, S. 9
„oder die dort wirkenden Ordensfrauen als die eigentlichen Opfer darzustellen“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Forschungskontext, S. 9. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Forschungskontext, S. 9
„Denn breite Akzeptanz von einstigen Missständen sowie Anerkennung von Misshandlungs- und Missbrauchserfahrungen besonders in konfessionell geführten Einrichtungen ist bis heute nicht vorhanden“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Forschungskontext, S. 9. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Martinsbühel, S. 76
„Das Heim wurde 2006 endgültig geschlossen“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Martinsbühel, S. 76. Original
Hintergrund
Reaktion der Kirche
- Ehemalige Heimkinder berichten von sexuellen Übergriffen durch Geistliche: Der Ortspfarrer von Scharnitz bedrängte ein Mädchen beim Glockendienst und schloss es nach einer Nachfrage vom Religionsunterricht und von der Kommunion aus. Der Superior von Martinsbühel ließ laut mehreren Frauen einzelne Mädchen zu sich ins Atelier schicken, fasste sie an, versuchte sie zu küssen; eine Ordensschwester führte ihm Mädchen zu. Die Praxis, dass Patres sich einzelne Heimkinder zuführen ließen, scheint laut Studie schon in den 1950er Jahren bestanden zu haben. Ein Lehrer der Bubenburg wurde 1957 verurteilt; drei seiner sechs Opfer waren Heimkinder.
Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339
„schloss sie vom Religionsunterricht aus und verabreichte ihr fortan nicht mehr die heilige Kommunion bei den Messen“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339
„hat öfter einzelne Mädchen zu sich ins Atelier schicken lassen“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339
„Die Praktik, dass Patres sich einzelne Heimkinder zuführen ließen, scheint schon früher bestanden zu haben.“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339
„Auch sie wurde später von einer Ordensschwester zum Pater geschickt, der sie fest umarmte und versuchte, sie zu küssen.“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Sexuelle Gewalt, S. 339. Original Beleg: Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften), Kap. Sexuelle Gewalt, S. 341
„Drei der sechs Betroffenen wurden als ‚Zöglinge‘ der Bubenburg angeführt.“
Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, Kap. Sexuelle Gewalt, S. 341. Original
Siehe auch
-
1950-2025 · 75 Jahre
Gewalt und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen Österreichs (Klasnic-Kommission)
- Österreich
- Eingeständnis
- Gewalt
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
-
1950-2010 · 60 Jahre
Benediktinerstift Kremsmünster 1950 bis 2010: Sexualisierte Gewalt über Generationen; ein früherer Pater zu 12 Jahren Haft verurteilt; Studie spricht von institutionellem Narzissmus
- Österreich
- Gewalt
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Ina Friedmann und Friedrich Stepanek im Auftrag der Dreierkommission Martinsbühel (Land Tirol, Diözese Innsbruck, Ordensgemeinschaften): Demut lernen. Kindheit in konfessionellen Kinderheimen in Tirol nach 1945, 1. Januar 2022. Original (abgerufen 31.10.2026) - Staatlicher Bericht
Amt der Tiroler Landesregierung, Öffentlichkeitsarbeit: Medieninformation: Dreierkommission Martinsbühel legt Abschlussbericht „Demut lernen“ vor, 7. Dezember 2022. Original (abgerufen 31.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 31. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.