Kirchenakte Belegte Ereignisse aus Urteilen, Berichten und kirchlichen Dokumenten
1946-1989 · 43 Jahre · im Zeitstrahl zeigen

Mecklenburg 1946 bis 1989: Missbrauch durch katholische Geistliche in der DDR; Täter wurden in den Westen versetzt, die Stasi warb sie als Spitzel an

Im Auftrag des Erzbistums Hamburg untersuchte die Forensische Psychiatrie der Universität Ulm sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche und kirchliche Mitarbeiter in Mecklenburg zur Zeit der DDR. Der Abschlussbericht von 2023 stützt sich auf Interviews mit 13 Betroffenen und 1.503 kirchliche und Stasi-Dokumente. Neben sexualisierter Gewalt erlebten 10 der 13 Betroffenen Drohungen mit der Hölle und schwere Schläge. Der Missbrauch begann im Schnitt mit zehn Jahren und dauerte fünf Jahre. Die Fürsorge des Bischofs galt den Priestern mehr als den Gemeindemitgliedern. Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat, etwa Versetzungen in den Westen, hielten die Taten geheim; die Staatssicherheit warb Täter als inoffizielle Mitarbeiter an, weshalb Strafverfolgung ausblieb.

Zeitraum
1946-1989 (43 Jahre)
Land
Deutschland
Institutionen
Erzbistum Hamburg
Katholische Kirche in der DDR
Kategorie
Gewalt, Sexueller Missbrauch, Vertuschung
Belegstufe
A Primärquelle · was heißt das?

Was den Menschen geschah

Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen

  1. Das Erzbistum Hamburg beauftragte im Februar 2020 die Universität Ulm. Befragt wurden 13 Betroffene, davon drei Frauen, die in der DDR als Minderjährige Gewalt im kirchlichen Rahmen erlebt hatten; gesichtet wurden 1.503 kirchliche und Stasi-Dokumente. Neben sexualisierter Gewalt erlebten 10 der 13 Betroffenen psychische Gewalt wie Drohungen mit der Hölle und schwere körperliche Gewalt wie Schläge mit dem Rohrstock. Der Missbrauch begann im Schnitt mit zehn Jahren und dauerte im Mittel fünf Jahre. Noch heute leiden die Betroffenen deutlich häufiger an psychischen Belastungen und posttraumatischen Störungen als Vergleichsgruppen. Täter verbrämten die Taten religiös, etwa als Sühne für eine gute Sterbestunde.
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 145
    „Im Februar 2020 beauftragte das Erzbistum Hamburg Frau Prof. Manuela Dudeck“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 145. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 145
    „13 Betroffene (davon 3 Frauen), die während der DDR als Minderjährige Gewalt im Rahmen der Kirche erfahren haben“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 145. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 145
    „1503 kirchliche und staatssicherheitsbehördliche Dokumente wurden gesichtet“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 145. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 146
    „erfuhren 10 der 13 Betroffenen auch psychische (z.B. Drohen mit der Hölle) und schwere körperliche Gewalt (z.B. Schlagen mit dem Rohrstock)“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 146. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 146
    „Der Missbrauch begann durchschnittlich im Alter von 10 Jahren und erfolgte im Mittel über fünf Jahre hinweg.“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 146. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 146
    „signifikant häufiger an psychischen Belastungen, posttraumatischen Belastungsstörungen“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 146. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 147
    „als „Sühne für eine gute Sterbestunde““
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 147. Original · Archivkopie

Was geschah mit den Betroffenen?

  1. Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat im Umgang mit den Tätern, etwa Versetzungen in den Westen, führten dazu, dass die Taten nicht öffentlich wurden. Die Staatssicherheit warb Täter in der Kirche gezielt als inoffizielle Mitarbeiter an und nutzte sie, etwa um Vorgänge in der Kirche auszukundschaften; deshalb blieben Strafverfolgungen aus.
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 147
    „Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat im Umgang mit den Tätern (z.B. Versetzungen in den Westen) führten dazu, dass die Taten nicht öffentlich gemacht wurden.“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 147. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 147
    „Die Staatssicherheit warb Täter innerhalb der Kirche gezielt als inoffizielle Mitarbeiter an und nutzte sie für eigene Zwecke“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 147. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 147
    „weshalb Strafverfolgungen ausblieben“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 147. Original · Archivkopie

Hintergrund

Reaktion der Kirche

  1. Laut Bericht schützten die hierarchischen Strukturen die Kirchenmitarbeiter, nicht die Betroffenen, weil die Fürsorgepflicht des Bischofs gegenüber den Priestern stets höher bewertet wurde als die gegenüber den Gemeindemitgliedern. Viele Geistliche rieten Betroffenen, die Vorfälle zu vergessen. Die starke Verbundenheit der Gemeinden in der Diaspora ging mit einem Verbot jeglicher Kritik an inneren Missständen einher.
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 146
    „Die hierarchischen Strukturen innerhalb der Kirche schützten Kirchenmitarbeitende, nicht aber die Betroffenen“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 146. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 146
    „da die Fürsorgepflicht des Bischofs gegenüber den Priestern stets höher bewertet wurde als die gegenüber den Gemeindemitgliedern“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 146. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 146
    „sie rieten den Betroffenen, die Vorfälle zu vergessen“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 146. Original · Archivkopie
    Beleg: Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg, S. 147
    „die allerdings mit einem Verbot jeglicher Kritik an inneren Missständen einherging“
    Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, S. 147. Original · Archivkopie

Siehe auch

Originaldokumente zum Nachlesen

  1. Kommissionsbericht
    Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Ulm (Rinser, Streb, Dudeck), im Auftrag des Erzbistums Hamburg: Abschlussbericht. Aufarbeitung und Dokumentation des sexuellen Missbrauchs von katholischen Priestern und anderen im Dienst der katholischen Kirche stehenden Personen an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989, 24. Februar 2023. Original · Archivkopie (abgerufen 30.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
  • : Aufgenommen

Zuletzt geändert am 30. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.