1954-2026 · 72 Jahre
· im Zeitstrahl zeigen
Essen und Paderborn seit den 1950er Jahren: Forschungsbericht stuft fünf von zwölf Vorwürfen gegen Kardinal Franz Hengsbach als belastbar ein; Hinweise lagen beiden Bistümern schon vor, als 2011 sein Denkmal aufgestellt wurde
Das Bistum Essen machte am 19. September 2023 öffentlich, dass dem 1991 gestorbenen Gründungsbischof Franz Hengsbach sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige vorgeworfen wird. Der Zwischenbericht von IPP, Dissens und FZH vom Juni 2026 zählt zwölf Vorwürfe. Fünf gelten als historisch belastbar, sieben nicht. Ein Vorwurf war 2011 von Paderborn nach Rom gegangen und dort als nicht plausibel bewertet worden, der Essener Bischof ließ ihn auf sich beruhen. Das im selben Jahr aufgestellte Denkmal am Dom wurde am 25. September 2023 entfernt. Der Bericht ist ein Zwischenstand und spricht von mutmaßlichen Taten.
- Zeitraum
- 1954-2026 (72 Jahre)
- Bericht veröffentlicht
- 25. Juni 2026
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Bistum Essen
Erzbistum Paderborn
Kongregation für die Glaubenslehre - Kategorie
- Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
- Personen
- Franz Hengsbach (Bischof von Essen, Kardinal, mutmaßlicher Täter laut Zwischenbericht)
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Dem Bericht zufolge liegen zwölf Vorwürfe vor, von denen fünf als historisch belastbare Quellen gelten und sieben nicht. Vier der sieben fallen unter „Rituelle Gewalt“, die ein juristischer Bericht als weder glaubhaft noch plausibel einstuft. Drei weitere gelten wegen einer schrittweisen Ausweitung der Erzählung im Zusammenhang mit Medienberichten als wenig belastbar.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 62
„Gegen Franz Hengsbach liegen derzeit insgesamt zwölf Vorwürfe vor“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 62. Original · Archivkopie Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 62
„von denen wiederum fünf als historisch belastbare Quellen gelten, sieben nicht“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 62. Original · Archivkopie - Die fünf belastbaren Vorwürfe zeichnen sich laut Bericht durch hohe inhaltliche Konsistenz, Detailgenauigkeit und biografische Kohärenz aus. Vier betreffen sexuelle Übergriffe: gegen eine 16-Jährige, eine etwa 13-Jährige, ein männliches Heimkind in den 1960er Jahren und eine 13-jährige Firmandin in den 1980er Jahren. Das fünfte Verhalten fasste der Betroffene nicht als Missbrauch auf.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 63
„Fünf weitere Vorwürfe dagegen zeichnen sich durch hohe inhaltliche Konsistenz, Detailgenauigkeit und biografische Kohärenz aus.“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 63. Original · Archivkopie Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 63
„wurde vom Betroffenen zwar als irritierend, aber weder damals noch in der Gegenwart als Missbrauch aufgefasst“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 63. Original · Archivkopie - Laut der Erklärung des Bistums von 2023 fanden Essener Mitarbeiter in Paderborner Akten einen Vermerk, der Hengsbach beschuldigt, 1954 eine minderjährige Jugendliche sexuell missbraucht zu haben. Der Vorwurf wurde 2011 erhoben. Eine anonyme Person meldete im Oktober 2022 einen Übergriff aus dem Jahr 1967.
Beleg: Vatican News, Absatz zum Paderborner Aktenbestand
„im Jahr 1954 eine minderjährige Jugendliche sexuell missbraucht zu haben“
D: Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Hengsbach, Absatz zum Paderborner Aktenbestand. Original Beleg: Vatican News, Erklärung vom 19. September 2023
„dass sie einen sexuellen Übergriff durch Kardinal Hengsbach im Jahr 1967 erlitten hat“
D: Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Hengsbach, Erklärung vom 19. September 2023. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Das Bistum Essen veröffentlichte die Vorwürfe am 19. September 2023. Danach meldeten sich weitere Personen. Das Bistum Essen, das Erzbistum Paderborn, Adveniat, die Katholische Militärseelsorge und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gaben eine wissenschaftliche Studie in Auftrag; der Zwischenbericht ist ihr vorläufiger Stand.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 5
„Am 19. September 2023 veröffentlichte das Bistum Essen eine Pressemitteilung“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 5. Original · Archivkopie Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 5
„Der hier vorgelegte Zwischenbericht stellt den vorläufigen Stand der Ergebnisse dieses Forschungsprojekts dar“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 5. Original · Archivkopie
Was geschah mit den Betroffenen?
- Das Essener Domkapitel ließ die Statue Hengsbachs am 25. September 2023 entfernen, sechs Tage nach Veröffentlichung der Vorwürfe.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 5
„am 25. September 2023, die Statue Franz Hengsbachs entfernen“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 5. Original · Archivkopie
Hintergrund
Warum? Begründung und Motive (laut Quellen)
- Als Bedingungen nennt der Bericht die Anhäufung von Ämtern und Ehrungen, fehlende Kontrolle bischöflicher Macht, Abschottung gegenüber Kritik und den Nimbus der Unangreifbarkeit. Diese Strukturen seien nicht an Hengsbach allein geknüpft gewesen.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 64
„Die Akkumulation von Ämtern und Ehrungen, fehlende Kontrolle bischöflicher Macht, die Abschottung gegenüber Kritik, der Nimbus der Unangreifbarkeit“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 64. Original · Archivkopie Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 64
„Diese Strukturen waren nicht allein an Hengsbach als Person geknüpft“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 64. Original · Archivkopie
Reaktion der Kirche
- Der Essener Bischof schrieb 2023, er habe im August 2011 durch das Erzbistum Paderborn von einem Vorwurf gegen Hengsbach erfahren. Der Vorwurf sei der Glaubenskongregation vorgelegt und als nicht plausibel bewertet worden, worauf er nichts weiter unternommen habe. 2023 räumte er ein, die Vorwürfe seien 2011 falsch eingeschätzt worden und den Betroffenen sei Unrecht geschehen.
Beleg: Bistum Essen (Kopie bei BishopAccountability.org), S. 1
„Daraufhin unternahm ich nichts weiter, denn ich sah den Fall als bearbeitet an.“
Brief des Bischofs von Essen an die Gläubigen vom 22. September 2023, S. 1. Original Beleg: Bistum Essen (Kopie bei BishopAccountability.org), S. 2
„dass die Vorwürfe im Jahr 2011 falsch eingeschätzt wurden und den Betroffenen Unrecht geschehen ist“
Brief des Bischofs von Essen an die Gläubigen vom 22. September 2023, S. 2. Original - Seine Entscheidung erklärte der Bischof damit, er sei dem Muster gefolgt, dem Schutz des Ansehens eines Würdenträgers Vorrang zu geben. Den Forschern des IPP und der damaligen Missbrauchsbeauftragten des Bistums teilte er den Vorwurf von 2011 nicht mit; sie verneinte 2011 die Anfrage einer Behörde, ob dem Bistum Vorwürfe bekannt seien.
Beleg: Bistum Essen (Kopie bei BishopAccountability.org), S. 3
„dem Schutz des Ansehens eines kirchlichen Würdenträgers Vorrang zu geben“
Brief des Bischofs von Essen an die Gläubigen vom 22. September 2023, S. 3. Original Beleg: Bistum Essen (Kopie bei BishopAccountability.org), S. 2
„die Forscherinnen und Forscher des IPP nicht über die Vorwürfe aus dem Jahr 2011 zu informieren“
Brief des Bischofs von Essen an die Gläubigen vom 22. September 2023, S. 2. Original - Der Bericht stellt fest, dass die Essener Bistumsleitung mit den Vorwürfen, die bei Aufstellung der Statue im Oktober 2011 vorlagen, nicht mit der zu erwartenden Sorgfalt umging. In Hengsbachs eigener Amtszeit hält das Forschungsteam für plausibel, dass er über sexualisierte Gewalt im Bistum informiert war und sie nicht angemessen sanktionierte.
Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 5
„dass die Bistumsleitung des Bistums Essen mit diesen Vorwürfen damals jedoch nicht mit der zu erwartenden Sorgfalt umgegangen ist“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 5. Original · Archivkopie Beleg: Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, S. 81
„dass Franz Hengsbach über sexualisierte Gewalt im Bistum Essen informiert war und er sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht adäquat sanktionierte“
Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, S. 81. Original · Archivkopie
Siehe auch
-
Person 10.09.1910-24.06.1991 · 80 Jahre alt
Franz Hengsbach (1910 bis 1991): Gründungsbischof von Essen und Kardinal, dem nach seinem Tod sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige vorgeworfen wird
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
-
1958-2021 · 63 Jahre
Sexualisierte Gewalt durch Geistliche im Bistum Essen (IPP-Studie 2023)
- Deutschland
- Sexueller Missbrauch
- Vertuschung
Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Dissens, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg: Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Zwischenbericht, 25. Juni 2026. Original · Archivkopie (abgerufen 31.10.2026) - Kirchliches Dokument
Bistum Essen (Kopie bei BishopAccountability.org): Brief des Bischofs von Essen an die Gläubigen vom 22. September 2023, 22. September 2023. Original (abgerufen 31.10.2026) - Kirchliches Dokument
Vatican News: D: Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Hengsbach, 19. September 2023. Original (abgerufen 31.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 31. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.