Erzbistum Paderborn 1941 bis 2002: Studie fand 210 Beschuldigte und 489 Betroffene; die Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt setzten verurteilte Priester wieder in der Seelsorge ein
Die Historikerinnen Christine Hartig und Nicole Priesching von der Universität Paderborn untersuchten mit Finanzierung des Erzbistums sexuelle Gewalt an Minderjährigen in den Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941 bis 1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974 bis 2002). Die Studie von 2026 nennt Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene. Für die MHG-Studie hatte das Erzbistum nur 2.502 Personalakten geprüft, die Gesamtzahl der Priester lag aber bei 4.825. Jaeger setzte beschuldigte und verurteilte Priester bis auf wenige Ausnahmen wieder in der Seelsorge ein, meist ohne Schutzmaßnahmen. Degenhardt handelte nur, wenn ein Skandal oder eine Anzeige drohte, und billigte Druck auf Angehörige, keine Anzeige zu erstatten. Auch Gemeinden schützten die Betroffenen oft nicht.
- Zeitraum
- 1941-2002 (61 Jahre)
- Land
- Deutschland
- Institutionen
- Erzbistum Paderborn
- Kategorie
- Sexueller Missbrauch, Vertuschung
- Belegstufe
- A Primärquelle · was heißt das?
Was den Menschen geschah
Wer war betroffen? Betroffene und Zahlen
- Für den Untersuchungszeitraum 1941 bis 2002 liegen laut Studie Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene vor. Mit rund 70 Menschen, die selbst sexuelle Gewalt erlebten oder darüber berichten konnten, wurden Interviews geführt. Die Gesamtzahl der Priester im Erzbistum lag bei 4.825; für die MHG-Studie hatte das Erzbistum aber nur 2.502 Personalakten geprüft, eine Differenz, die sich laut Studie nicht allein durch den leicht anderen Zeitraum erklären lässt.
Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 8
„nun Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene vor“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 8. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 7
„Mit rund 70 Menschen, die selbst sexuelle Gewalt erlebten oder über solche Fälle berichten konnten, wurde ein Interview durchgeführt.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 7. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 8
„jedoch weit höher, nämlich bei 4.825 Klerikern“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 8. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 8
„Diese schwerwiegende Differenz zwischen 2.502 im Rahmen der MHG-Studie vom Erzbistum Paderborn geprüften Personalakten“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 8. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 8
„lässt sich nicht alleine durch die leicht differierenden Untersuchungszeiträume erklären“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 8. Original
Wie wurden sie angeklagt und verurteilt?
- Unter Degenhardt gingen Untersuchung und Sanktionierung weiter zurück. Er ergriff laut Studie nur dann Maßnahmen, wenn ein öffentlicher Skandal oder eine Anzeige vor einem weltlichen Gericht drohten; kirchliche Strafverfahren spielten keine Rolle mehr. Er billigte, wenn beschuldigte Kleriker Angehörige unter Druck setzten, keine Anzeige zu erstatten, und übertrug am Anfang seines Episkopats selbst einschlägig verurteilten Straftätern nach einer Bewährungszeit eine Pfarrstelle. Damit, dass er weitere Taten nicht ermitteln ließ, trug er dazu bei, dass noch nicht verjährte Straftaten unentdeckt blieben; die Gründe für Amtsenthebungen wurden verschleiert, solange die Presse nicht nachfragte.
Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 492
„Degenhardt ergriff nur dann Maßnahmen gegen beschuldigte Kleriker, wenn ein öffentlicher Skandal oder eine Anzeige vor einem weltlichen Gericht drohten.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 492. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 492
„Kirchliche Strafverfahren vor dem Kirchengericht spielten in der Amtszeit von Degenhardt keine Rolle mehr.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 492. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 492
„Vor diesem Hintergrund billigte er es auch, wenn beschuldigte Kleriker Angehörige unter Druck setzten, eine Anzeige bei einem weltlichen Gericht zu unterlassen.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 492. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 492
„Insbesondere am Anfang seines Episkopats übertrug Degenhardt selbst einschlägig verurteilten Straftätern nach einer Bewährungszeit eine Pfarrstelle.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 492. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 493
„Damit trug der Erzbischof dazu bei, dass Straftaten nicht aufgedeckt wurden, die nach weltlichen oder kirchlichen Recht noch nicht verjährt waren.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 493. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 493
„In Kontinuität zu den bisherigen Umgangsweisen wurden die Gründe für die Amtsenthebung nach wie vor verschleiert, solange die Presse keine kritischen Nachfragen stellte“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 493. Original
Was geschah mit den Betroffenen?
- Auch Gemeindemitglieder und Laiengremien schützten Betroffene oft nicht; laut Studie umfasste die Wagenburgmentalität der Kirche auch die Laien, und eine Kontinuität sei die Haltung gewesen, dass die Kirche geschützt werden sollte. Die Autorinnen betonen, dass damit das Versagen der kirchlichen Verantwortungsträger nicht relativiert werden solle.
Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 495
„Eine Wagenburgmentalität der katholischen Kirche umfasste also auch die Laien.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 495. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 495
„Eine Kontinuität ist die Haltung, dass die Kirche geschützt werden sollte.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 495. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 495
„so soll damit nicht das Versagen kirchlicher Verantwortungsträger relativiert werden“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 495. Original
Hintergrund
Reaktion der Kirche
- Priester, die in der NS-Zeit verurteilt worden und in Konzentrationslager gekommen waren, galten dadurch auch als Opfer des Nationalsozialismus und profitierten nach 1945 von diesem Bild. Bis auf wenige Ausnahmen setzte Jaeger beschuldigte Priester, auch verurteilte Straftäter, früher oder später erneut in der Seelsorge ein und verzichtete meist auf Schutzmaßnahmen. Weil das Ansehen des Priesters Voraussetzung vieler Taten war, konnten Mehrfachtäter so leicht weitere Opfer finden.
Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 491
„Täter, die in Konzentrationslager kamen, wurden dadurch auch ihrerseits zu Opfern des Nationalsozialismus.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 491. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 491
„In der Nachkriegszeit profitierten diese Kleriker vor allem von diesem Opferbild“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 491. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 492
„Bis auf wenige Ausnahmen setzte Jaeger beschuldigte Priester, darunter auch verurteilte Straftäter, früher oder später erneut in der Seelsorge ein“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 492. Original Beleg: Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access), S. 492
„Da das Ansehen des Priesters die Voraussetzung zahlreicher Taten war, konnten Mehrfachtäter auf diese Weise leicht weitere Opfer finden.“
Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), S. 492. Original
Siehe auch
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1945-2025 · 80 Jahre
Bistum Fulda 1945 bis 2025: Aufarbeitungskommission fand 37 beschuldigte Kleriker und 120 Betroffene; die Bistumsleitung schützte Täter und verschob verurteilte Priester in andere Bistümer
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Sexueller Missbrauch durch Kleriker im Bistum Münster (Studie der Universität Münster)
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1946-2014 · 68 Jahre
Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker in Deutschland (MHG-Studie)
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- Sexueller Missbrauch
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Originaldokumente zum Nachlesen
- Kommissionsbericht
Nicole Priesching und Christine Hartig, Universität Paderborn, finanziert vom Erzbistum Paderborn (Brill Schöningh, Open Access): Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002), 1. Januar 2026. Original (abgerufen 30.10.2026)
Änderungsprotokoll (1)
- : Aufgenommen
Zuletzt geändert am 30. Oktober 2026. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Ergänzung oder Korrektur vorschlagen.